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Für Kranke, Mobbingopfer oder verletzte Seelen ist es schwer, zum Teil sogar unmöglich, eine reguläre Schule zu besuchen. Für diese Schüler gibt es in Bochum die bundesweit einzigartige Internetschule. Unterrichtet wird dort per Skype. Auch Bill und Tom Kaulitz waren schon dort.

Morgens in Jogginghose den Laptop hochzufahren, scheint für viele eine tolle Vorstellung zu sein. Das dürfen nur die wenigsten Schüler. Die meisten müssen sich morgens um halb 8 in den überfüllten Bus quetschen und sich auf den Weg zur Schule machen.

Alle Schüler haben dauerhaften Krankenschein

Diejenigen, die das nicht können, gehen zur sogenannten Web-Individualschule. Diese Internetschule steht nur den Kindern offen, die dauerhaft krank geschrieben oder aus unterschiedlichsten anderen Gründen per Gutachten von der Schulpflicht befreit sind.

Dazu gehören Schüler, die Opfer von Mobbing oder Gewalt waren, Schüler mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen, Schüler mit chronischer Schulangst oder auch Schulverweigerer, die ganz ohne Unterricht zu Hause hockten, teilt die Leiterin der Web-Individualschule, Sarah Lichtenberger, der Deutschen Presse-Agentur mit.

Viele Schüler haben eine katastrophale Schulzeit erlebt

„Viele haben eine traumatische, katastrophale Schullaufbahn hinter sich. Wir müssen sie erst behutsam aufrichten, ihr Selbstbewusstsein aufpeppen.“

So auch der 13-Jährige Tom, der das Asperger-Syndrom hat, eine Variante des Autismus. Damals in der Schule hätte er eine Klasse überspringen können. Doch die Schulleitung war dagegen.

„Ich habe mich immer wahnsinnig gelangweilt. Ich wurde ausgegrenzt, gemobbt, einmal stundenlang an eine Laterne gefesselt – und Schlimmeres“, sagt Tom.

Bill und Tom Kaulitz waren schon dort

Auch prominente Gäste waren schon an der Internet-Schule, die zum Beispiel wegen vieler Termine keine normale Schule besuchen können. 2008 haben Bill und Tom Kaulitz von der Band Tokio Hotel dort ihren Abschluss gemacht.

Aktuell gehören auch junge Sportler oder Schauspieler zu den Schülern, die nach Wettkampf oder Dreh ihren Unterricht bekommen. Fixe Schulferien sind nicht vorgesehen, nur über Weihnachten.

Aktuelle Top-Themen:

Jede Lehrkraft – 17 Sozialarbeiter, Pädagogen, Psychologen – unterrichtet nacheinander mehrere Schüler, maximal 15 Jungen und Mädchen. Täglich werden die Themen besprochen, Lernmaterial heruntergeladen, die Schüler schicken ihre bearbeiteten Aufgaben per Mail.

Die Internetschule ist nicht staatlich anerkannt

Jeder Lehrer unterrichtet alle Fächer, außer Chemie, Physik, Religion. Sport geht nicht. Jeder einzelne Schüler hat sein eigenes Programm.

  • 2018 haben knapp 100 Heranwachsende hier ihren Abschluss gemacht
  • Die Einrichtung ist nicht staatlich anerkannt und bereitet auf den Haupt- oder Realschulabschluss vor
  • Die Prüfungen müssen dann extern in Kooperationsschulen abgelegt werden

„Bisher haben alle 420 Schüler ihre Prüfungen erfolgreich absolviert“, sagt Schulleiterin Lichtenberger. Manche können vorher wieder in die Regelschulen „re-integriert“ werden – im Übergang begleitet von ihren Bochumer Lehrern.

Zu Hause unterrichten sei laut Schulleiterin nicht der richtige Weg

Die Warteliste für die Schule ist lang. Vor allem seit der verpflichtenden Inklusion an den Regelschulen, die in der Praxis allzu oft nicht funktioniere, so Lichtenberger. Die Webschule koste im Monat 830 Euro, in 80 Prozent der Fälle bezahlt von Jugendämtern.

Homeschooling allen sei jedoch nicht der richtige Weg, findet Lichtenberger. „Die Kinder sollten schon in Regelschulen gehen. Aber wenn sie dort nicht ihren Platz finden, Außenseiter bleiben, Furchtbares erleben, sollten Gesundheit und seelisches Wohl über der allgemeinen Schulpflicht stehen.“

(dpa-Material)