Bild: Thier-Galerie

Am Samstagnachmittag (15. Dezember) haben Jugendliche in der Dortmunder Thier-Galerie einen Böller gezündet. Aus Angst vor einem Anschlag kam es zu einer Massenpanik, 30 Menschen wurden verletzt. Zwei Augenzeuginnen waren vor Ort – und erzählen hier von ihren Erlebnissen.

Dortmund24-Mitarbeiterin Melissa Leonhardt war in der ersten Etage unterwegs, als der Böller explodierte:

Es ist kurz nach halb sechs am Abend. Die Thier-Galerie platzt aus allen Nähten – der Adventssamstag in Verbindung mit BVB-Spiel und Weihnachtsmarkt tut sein Übriges.

Ich komme gerade aus der Umkleide von H&M im ersten Obergeschoss und bin auf dem Weg zur Kasse. Plötzlich durchdringt ein unnormal lauter Knall das geschäftige Treiben. Es ist ein Geräusch, das einen anhalten und sich umsehen lässt. Mein erster Gedanke: Ein Schuss.

Mit Rock in der Hand stehen geblieben

Mit meinem Rock in der Hand bleibe ich stehen, unschlüssig darüber, was ich jetzt machen soll. Ich sehe mich um. Auch die anderen Kunden bewegen sich nicht. Stattdessen werfen sie sich unsichere Blicke zu. Ein mulmiges Gefühl bahnt sich den Weg durch meinen Körper. Instinktiv will ich raus aus dem Geschäft, raus aus der Thier-Galerie.

Meine Gedanken überschlagen sich. Fight or flight? Raus aus dem Geschäft oder abwarten? Aus Angst vor dem, was sich auf den Passagen des Einkaufszentrums abspielen könnte, verharre ich neben ein paar anderen Kunden im hinteren Teil des Ladens. Immerhin bin ich hier nicht allein. In meinem Kopf immer wieder der gleiche Satz: Das darf nicht wahr sein.

Verkäuferin ruft Kunden zurück

Ein paar Minuten bleiben wir dort stehen, ohne Anweisung, ratlos. Dann ist es fast, als wäre der Schreckmoment vorbei. Ein paar Leute bewegen sich wieder im Laden. Eine gehetzte Verkäuferin läuft an mir vorbei. Ich will raus und setze erneut zur Tür an. Die Stimme der jungen Frau durchkreuzt meinen Plan: „Kommen Sie bitte alle sofort in die hintere Ecke.“

Mein Herz schlägt bis zum Hals. Innerlich wehre ich mich gegen den Gedanken, versammelt in einer Menschenmenge zu warten. Wie auf dem Silbertablett serviert. Aber wohin? Alleine warte ich zwischen den Leuten vor den grauen Türen des Notausgangs. Planlos, das schlimmste Szenario vor Augen. In meinem Kopf bin ich sicher, dass gleich jemand mit einer Waffe reinkommt. Und schießt. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Angst zu sterben.

Porträt Melissa Leonhardt. Foto: Carsten STrübbe
Porträt Melissa Leonhardt. Foto: Carsten Strübbe

Ich will mit meinen Eltern sprechen. Mit zitternden Fingern suche ich nach der Nummer meiner Mutter. Eine schlechte Verbindung erschwert das Gespräch. „Mama, Mama? Mach‘ dir jetzt keine Sorgen, aber irgendwas ist gerade passiert“, stammele ich ins Telefon. „Ich weiß nicht, was los ist, es hat laut geknallt.“ Dann bricht das Gespräch ab.

Eine Frau, augenscheinlich eine Service-Kraft, kommt zu uns. Schnell erklärt eine Kundin der ahnungslosen Mitarbeiterin, was passiert ist. Sie tippt einen Code ein, die Tür öffnet sich. Durch ein Treppenhaus, das ich noch nie gesehen habe, werden wir rausgeschleust. Hinter mir zwei junge Mädchen. Ihr hysterisches Lachen vermischt sich mit weinenden Augen.

Vor der Thier-Galerie herrscht Chaos

Vor der Tür wartet eine große Menschenmenge. Die Stimmung ist aufgeladen. Menschen weinen, diskutieren, halten sich in den Armen. Überall hört man Sirenen. Ich laufe weg – weg von der Thier-Galerie und was immer darin passiert sein mochte. Drei Personen halten mich auf meinem ziellosen Weg an. Ob ich doch bloß wisse, was passiert sei.

Nach etwa einer halben Stunde treffe ich eine Mutter und ihre Tochter. Sie waren in dem Hollister-Laden des Einkaufszentrums, in der Nähe des Haupteingangs. Der Laden ist für seine laute Musik bekannt. Den Knall haben sie nicht gehört. „Plötzlich brach wie aus dem Nichts Panik aus, Leute stürmten aus der Galerie auf die Straße“, erzählt mir die Tochter. „Ich dachte, ich müsste mich übergeben, ich hatte solche Angst.“

Die ganze Zeit über bin ich mit meiner Familie in Kontakt. Erste Nachrichten auf Twitter sprechen von einem explosionsartigen Knall und einem großen Polizeiaufgebot, das die Galerie abriegelt.

Ein paar Minuten später erreicht uns die erlösende Nachricht: Eine Gruppe von Jugendlichen haben einen Böller gezündet. Im Nachhinein erscheint das für manche vielleicht harmlos. Wir dachten eine dreiviertel Stunde lang, in einen Terror-Anschlag geraten zu sein.

Leute stürmten rein und schrien „Da schießt jemand!“

Auch Lena R. aus Bielefeld war zum Zeitpunkt der Explosion im Untergeschoss der Thier-Galerie unterwegs. Gemeinsam mit ihrer Cousine stand sie vor dem Lippenstift-Regal im dm, als ein „unfassbar lauter Knall“ die Kunden erschütterte. „Die Sekunden danach war Totenstille. Keiner hat mehr gesprochen“, erzählt uns Lena R. im Nachhinein.

Leise fragte die Bielefelderin ihre Cousine, ob es ein Schuss war. Mit dem Gedanken „Das kann doch nicht sein“ versuchte sie ihre Zweifel beiseite zu schieben. Dann erreichte die Panik auch den Drogeriemarkt. „Menschenmassen stürmten ins Geschäft und schrien ‚Da schießt jemand!'“. In diesem Moment dachte Lena R., dass tatsächlich ein Anschlag stattfindet.

„Alle haben die Regale umgeworfen, Leute rempelten mich an, jeder dachte nur an sich“, so die Augenzeugin weiter. Dann öffnete ein Kunde, so ihre Vermutung, den Notausgang. ,,Selbst die Verkäufer haben geschrien, dass wir sofort raus sollen. Alle quetschten und drängelten, jeder wollte zuerst raus.“

Leute rennen rücksichtslos weiter

Auch auf den Treppen soll die Panik nicht aufgehört haben: ,,Leute verloren ihr Handy und und stürmten einfach weiter, denen war alles egal. Wir hatten Todesangst.“ Die Frauen rannten noch mehrere hundert Meter weiter. „Lena komm, Lena komm!“, soll ihre Cousine immer wieder gerufen haben. Dass die unmittelbare Gefahr vorbei war, realisierte die junge Frau gar nicht. Sie stand unter Schock.

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In einem Café in der Nähe finden die Beiden Zuflucht. Vor Ort: Eine weitere Mutter mit Kind, die durch die Massenpanik in der Thier-Galerie völlig verängstigt war. ,,Sie erzählte uns, dass Leute ihren Kinderwagen einfach umgestoßen haben. Sie rannte mit ihrem Baby auf dem Arm, den Kinderwagen zog sie mit sich“, so Lenas Beschreibung.

In einem Telefonat mit der Polizei erfuhr Lena später, dass es kein Anschlag war. Und auch wenn das im Nachhinein beruhigend ist: An dem Schock und ihren Gefühlen im Einkaufszentrum ändert das nichts. Denn für Lena und ihre Cousine war es im Moment des Geschehens ein Anschlag. ,,Ich hatte das Gefühl, dass viele Medien die Massenpanik verharmlost haben. Aber die Menschen hatten Angst um ihr Leben – und in diesem Moment wäre jeder gerannt.“