Bild: privat

Manchmal ist es nur ein kleiner Moment, den man im Leben teilt. Wenn dieser Moment der einzige ist, den Eltern mit ihrem eigenen Kind teilen, ist Paula Janka Meisel häufig dabei. Als stille Begleiterin hält die Dortmunder Fotografin den Augenblick fest, in dem Eltern ihr Sternenkind begrüßen – und ihm gleichzeitig Lebewohl sagen müssen.

Sternenkinder werden jene Kinder genannt, die schon im Mutterleib, während oder kurz nach der Geburt sterben. Aber sie waren da – wenn auch nur für eine kurze Zeit: Die Mütter können ihr Kind monatelang spüren, wie es in ihrem Bauch strampelt und tritt, sich reckt und streckt; der Papa fühlt es durch die Bauchdecke und sieht es auf dem Ultraschallbild.

Ein bewegender Einschnitt im Leben

Bis dann der Moment kommt, vor dem sich wohl alle werdenden Eltern fürchten. Vielleicht ist es der Augenblick, wenn der Schwangeren klar wird, dass sie schon viel zu lange kein Strampeln mehr in ihrem Bauch gespürt hat.

Juli und Jens Evers mit ihrem geliebten Sohn Marley. Foto: Paula Janka Meisel

Was dann folgt, der Gang zum Arzt, die Bestätigung, dass das Kind entweder bereits tot ist oder ihm keine lange Lebensdauer mehr vorhergesagt wird – zum Beispiel weil es schwer krank ist – ist eine Zäsur im Leben der Eltern: So war es nicht geplant.

Viele Eltern gehen aber auch ganz unbesorgt zur nächsten Vorsorgeuntersuchung und erfahren unvermittelt, dass das Kind schwerstbehindert oder nicht einmal lebensfähig ist. Von diesen Eltern wird dann eine furchtbar Entscheidung erwartet: Soll abgetrieben werden oder nicht? Denn in Deutschland darf bei medizinischen Indikation bis zu Geburt abgetrieben werden. Doch wie schwer es ist, so eine Entscheidung treffen zu müssen, können wohl nur betroffene Eltern sagen.

Entscheiden sich Eltern für das Leben des Kindes, kommen Fotografen wie Paula Meisel ins Spiel. Denn eine Erinnerung an dieses Leben – so kurz es auch sein mag – soll es vielleicht doch geben.

Kein Kind wird vergessen

Über ein Alarmsystem der Organisation „dein Sternenkind“ kümmern sich Koordinatoren darum, dass ein Fotograf sofort zur Stelle ist, wenn ein Kind geboren wird. Und oft ist Eile geboten: „Gerade bei Kindern, die in den frühen Schwangerschaftswochen geboren werden, ist das Zeitfenster sehr klein, in dem wir sie fotografieren können“, so Oliver Wendlandt von „dein Sternenkind„.

Daher wird nach einem eingehenden Alarm sofort ein Fotograf aus dem rund 600 Köpfe starken Pool beauftragt. Und, so betont Wendlandt, in den letzten 30 Monaten sei jedes Kind fotografiert worden, zu dem die Fotografen gerufen wurden.

Paula Meisel ist eine von ihnen. Vor dem ersten Einsatz, zu dem sie gerufen wurde, hatte die Fotografin keine Angst. Aber Anspannung war da. „Wie vor einer Prüfung“, erzählt sie. Denn: Was sagt man in so einem Moment der Trauer? „Da gibt es nichts zu sagen“, sagt Meisel.

Ein starkes Herz – stärker als geglaubt

Viel mehr als ihr erster, blieb Paula Meisel aber ein späterer Einsatz in Erinnerung. „Es war ein wunderschönes Baby, gerade mal 200 Gramm schwer, das ich fotografieren sollte.“ Während der Aufnahmen entdecken Paula Meisel und die Mama des Kindes Unglaubliches: Den Herzschlag des Kindes. „Keiner glaubte mir, denn das Kind, so hieß es, habe die Geburt nicht überlebt.“

Ein Arzt, der eilig dazu geholt wurde, bestätigte dann aber die Vitalfunktionen. Dennoch, zum Leben war das Kind zu krank. Es wurde dann zum Sterben auf die Brust der Mutter gelegt. „Die Mutter war total dankbar, dass ihr Kind so geborgen und beschützt sterben konnte, und sie diesen einen kostbaren Moment seines Lebens mit ihm teilen konnte.“

Eltern oft überfordert

Auf jeden Fall weiß Paula Meisel nie was sie erwartet. Schweigen? Tränen? Manchmal sogar Scherze, um das Unfassbare fassbar zu machen. Genau deswegen sitze sie oft erstmal daneben, bis der richtige Moment gekommen ist, sich vorzustellen. Vielleicht auch, um erstmal ein Gefühl für die Situation zu bekommen.

Denn nicht immer ist es nur die pure Trauer, die im Raum steht. So wie bei einer jungen Mutter, die die Geburt ihres toten Kindes nur knapp überlebte – welche Erleichterung!

Fotos Helfen, Abschied zu nehmen

Aber immer sei es eine existenzielle Situation, in der die Eltern steckten, so Meisel. Oft seien sie überfordert. „Ich fotografiere daher nicht nur einfach, ich gebe den Eltern oft die Gelegenheit, den Rahmen, um sich aktiv von ihrem Kind zu verabschieden“, sagt die Fotografin. Zum Beispiel durch die Frage „Wollt ihr euer Kind in den Arm nehmen?“

Auf ihren winzigen Füßchen sollte Hannah niemals laufen. Foto: Paula Janka Meisel

In erster Linie, damit das Foto schöner wird. Oft ist das aber der Moment, in dem die Eltern sich trauen, ihr Kind zum ersten Mal anzufassen. „Häufig gehe ich, und das Kind geht mit mir“, so Meisel. Denn dann haben sich die Eltern verabschiedet und bitten die Krankenschwestern ihr Kind mitzunehmen. Für immer.

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Bilder vom Leben und vom Sterben

Nicht immer haben Eltern die Kraft, dieses oft kleine Häufchen Mensch anzusehen oder gar in den Händen zu halten. Doch später kommt es dann vielleicht dazu, dass ihnen die bewusste Abschiednahme von ihrem Kind fehlt. Dann können die Bilder, die Paula Meisel am Tag der Geburt gemacht hat, helfen.

„Ich möchte nah am Menschen arbeiten, sie in ihrer Umgebung treffen und begleiten“, so die gelernte Fotografin. „Ich möchte die Prozesse des Lebens begleiten. Und da gehört das Gebären und das Sterben gleichermaßen dazu.“

Neben den Sternenkindern, die Paula Meisel fotografiert, begleitet sie auch alle anderen Geburten – die voller Glück und Freude, die in deren Moment ein neues Leben gerade erst beginnt.

Über den Tod wird geschwiegen

Das viele aber genau über das Sterben nicht sprechen können, erkannte Paula Meisel, als sie von 2006 bis 2008 in Paris lebte und dort mit der Dokumentarfilmerin Anja Unger zusammenlebte, die einen Film über Brustkrebs machte – „Le corps amazone“. „Auch da spricht niemand drüber, obwohl es jede achte Frau betrifft“, so Meisel.

Und auch über den Sternenkindern sollte kein Schweigen liegen. Denn im Jahr gibt es in Deutschland rund 3500 Totgeburten oder viel zu früh geborene Kinder, die kurz nach der Geburt sterben. Von diesen erreichen die Fotografen, die wie Paula Meisel für „dein Sternenkind“ arbeiten, rund 2000.

Papa Stefan mit seiner Tochter Lilly. Foto: Paula Janka Meisel

Sie halten in ihren Bildern fest, was viel zu schnell vergeht. „Erinnerungen für einen liebevollen und bewussten Abschied schaffen“, heißt es auf der Homepage der Organisation „dein Sternenkind“. Paula Meisel nennt es „den Kindern ein Gesicht geben“. Und später auch: Über sie sprechen können. Der Familie ein Foto von dem Kind zeigen zu können, welches kurz da war – und in Gedanken auch immer da sein wird.

Ein Platz im Leben haben

Aber auch wenn manche Eltern die Bilder erstmal gar nicht sehen wollen – viel wichtiger ist es, dass es sie überhaupt gibt. Denn die Chance ein Foto von ihrem Kind zu machen, bekommen diese Eltern nie wieder. Ein Bild, zum einen als Zeugnis für die Existenz des kleinen Menschen, aber auch ein Bild als Zeugnis, Eltern zu sein. So formuliert es die Organisation „dein Sternenkind„.

Paula Meisel findet: „Der Tod betrifft uns alle. Und ich möchte, dass er in das Leben integriert wird. Deshalb mache ich die Fotos von den Kindern.“ Trotzdem ist auch für sie ihre Arbeit manchmal schwer auszuhalten. „Aber vor allem weil es mir bewusst macht, wie kostbar das Leben ist.“

Die Organisation „dein Sternenkind

  • Fotograf anfordern: Wenn die Geburt eines Sternenkinds naht, kann die Hebamme, das Krankenhaus oder auch die Eltern selbst die Notfallrufnummer von „dein Sternenkind“ wählen. Außerdem ist es möglich über die App oder die Website ein Formular abzuschicken.
  • Im Dezember 2017 gewann die Organisation den Deutschen Engagementspreis. Die Gelder aus dem Gewinn einer solchen Preisverleihung nutzt die Organisation um zum Beispiel das Alarm-System zur Anforderung eines Fotografen zu finanzieren. Alle Mitarbeiter, auch die Fotografen, arbeiten ehrenamtlich. „Die Fotografen schenken den Eltern ihre Bilder“, so Wendlandt.
  • Die Bilder, die die Eltern bekommen sind immer gut verpackt. „Sie müssen aktiv ausgepackt werden“, so Oliver Wendlandt von „dein Sternenkind„. Auf keinen Fall sollen die Fotos den Eltern aus einem Umschlag einfach in die Hände fallen. Denn nur manche wollen die Fotos sofort sehen. Einige seien erst nach Wochen oder Monaten bereit dazu, so Wendlandt.