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Nightrooms, Rush Hour, Moog und Bierkönig: Diese Clubs sind jedes Wochenende das Ziel Tausender junger Leute in Dortmund. Der 29-jährige Dian wollte auch schon oft rein, aber die Türsteher haben ihn immer abgewiesen.

Es ist Samstag um kurz vor 22 Uhr in Dortmund. Der 29-jährige Dian* macht die Tür seiner WG im Klinikviertel hinter sich zu und verlässt das Haus. Er will feiern gehen, wie fast jedes Wochenende. Manchmal kommen Freunde mit, aber dieses Mal ist er alleine.

Er geht zuerst zum Bierkönig. Als er sich dem Türsteher nähert, greift Dian mit der Hand schon in seine Hosentasche, um sein Aufenthaltsdokument herauszuholen. Aber bevor er es herausziehen kann, schaut der Türsteher ihn an und sagt: „Nein.“ Dian fragt: „Warum?“ „Weil das so ist“, antwortet der Sicherheitsmann.

Dian dreht sich enttäuscht um und geht. Er sieht noch, wie nach ihm Menschen mit heller Haut an der Security vorbeigehen, ohne überhaupt ihren Ausweis zu zeigen. „Es ist einfach peinlich, wenn da zehn Leute sind und neun reindürfen und einer nicht“, sagt der 29-Jährige, der vor zwei Jahren aus Guinea nach Dortmund kam. Er trinkt keinen Alkohol und raucht nicht.

„Für Sie nö“

Aber damit ist der Abend für Dian noch nicht vorbei. Er zieht weiter zum Moog im Dortmunder U. In der Schlange stehen vor und hinter ihm Menschen. Er geht direkt hinter einer Gruppe durch den Eingang, als der Türsteher ihn anspricht: „Für Sie nö.“  Dann fügt er hinzu: „Könnten Sie vielleicht zur Seite gehen?“ Dian geht zur Seite und fragt wieder: „Warum?“ Doch keine Antwort, der Türsteher wünscht ihm lediglich einen „schönen Abend noch!“

Inzwischen sind fast zwei Stunden vergangen. Zeit, um langsam mal einen Club von innen zu sehen. Deswegen geht Dian zum Village. Dort kommt er immer rein, auch dieses Mal. Er geht an den dunkelhäutigen Türstehern vorbei, ohne sein Aufenthaltsdokument zu zeigen.

Dian landet fast jedes Wochenende im Village oder mal im Silent Sinners, obwohl er vorher an der Tür zum Nightrooms, View, Moog, Bierkönig und Rush Hour stand. Bei allen diesen Diskotheken hat er es mindestens schon drei- bis fünfmal versucht.

Auf Wunsch der Betroffenen haben wir im Nachhinein die Gesichter gepixelt. Foto: Privat
Auf Wunsch der beiden Betroffenen haben wir im Nachhinein die Gesichter gepixelt. Foto: Privat

Ins View nur mit der Mannschaft

Im Nightrooms, Moog, Bierkönig und Rush Hour war Dian noch nie. Ins View hat er es nach einigen erfolglosen Versuchen einmal geschafft. Da war er mit seiner Fußball-Mannschaft aus Schwerte unterwegs. „Ich bin nur wegen meiner Freunde reingekommen“, meint Dian. „Das hat mich richtig sauer gemacht.“

Auch ein Abend vor der Disko Rush Hour bleibt ihm als bittere Erinnerung im Gedächtnis. Er wollte dort mit einem guineischen Freund aus Berlin feiern gehen. Der Türsteher wies die beiden ab. Dann trafen sie draußen junge Menschen anderer Nationen, die ebenfalls nicht reinkamen. „Die anderen Ausländer haben draußen Frauen gefragt, ob sie mit ihnen in den Club gehen“, erzählt Dian.

Frauen sind die Eintrittskarte

Sein Freund wollte es auch so versuchen. Er fragte eine Frau, die alleine da war. Dian sah, wie sie zusammen nach drinnen gingen. Sein Freund erzählte ihm später, dass der Türsteher die Frau gefragt habe, ob er ihr Freund sei. Sie bejahte. Dann fragte der Türsteher die Frau noch nach dem Namen ihres vermeintlichen Freundes und sie durften rein.

Dian ging an dem Abend sofort nach Hause und ins Bett. „Ich wollte nicht so etwas machen, damit der Türsteher mich reinlässt“, sagt er. „Es darf kein Muss sein, eine Freundin zu haben, um in den Club zu kommen.“

Dian nennt es Rassismus

Für den 29-Jährigen ist das, was er erlebt, eindeutig Rassismus. „Am Anfang dachte ich, ich komme nicht rein, weil ich die Sprache noch nicht so gut konnte“, erzählt er. Aber inzwischen spricht Dian sehr gut Deutsch und kommt immer noch nicht in die Clubs. Er hat viele Freunde, denen es genauso geht.

„Ich verstehe nicht, warum die Menschen denken, dass Ausländer böse sind“, sagt Dian. „Wir arbeiten hier und bezahlen Steuern. Eigentlich müssten wir auch in die Diskos dürfen.“ Der 29-Jährige macht seit zwei Jahren einen Deutschkurs an der Uni in Bochum. Währenddessen arbeitete er in Wattenscheid bei einer Druckerei und seit Kurzem bei einer Reinigungsfirma in Hörde. Dian hat bereits seinen Jura-Bachelor in Guinea gemacht. Im Wintersemester möchte er mit einem Master in Rechtswissenschaften in Bochum oder der Region anfangen.

Er hat auch schon mit seinem Deutschlehrer aus Bochum über seine Erfahrungen gesprochen. Dieser konnte ihm jedoch nicht weiterhelfen, meinte aber: „Das ist total schlimm. Da muss man eine Lösung suchen.“

75 Prozent der Nordstadt-Jugendlichen betroffen

Alleine ist Dian mit seinen Erfahrungen auf jeden Fall nicht. Und neu sind die Vorfälle auch nicht. Schon 2012 machte das Jugendforum Nordstadt eine Umfrage unter Jugendlichen in dem Stadtteil. Knapp 75 Prozent von ihnen wurden demnach schon einmal nicht in eine Disko reingelassen. Fast 60 Prozent sahen Rassismus als Grund für die Abweisung an der Tür.

Die Jugendlichen wollten außerdem mit den Club-Betreibern sprechen. Oberbürgermeister Ullrich Sierau organisierte im September 2012 ein Treffen, an dem er auch selbst teilnahm. Laut Regina Hermanns von der Antidiskriminierungsstelle des Planerladens zeigten die Diskobetreiber damals zunächst eine abwehrende Haltung. Dann sei es aber noch ein konstruktives Gespräch geworden.

Ob das Gespräch so viel gebracht hat, lässt sich angesichts Dians Erfahrungen aber bezweifeln. Der Betreiber der Diskothek Nightrooms will immer noch nichts von Rassismus vor seiner Clubtür wissen. Die Geschäftsführer von Rush Hour, Bierkönig, Moog und View waren zwei Tage lang nicht für Presseanfragen erreichbar.

Timo Grzechowiak vom Nightrooms sagte: „Die Türsteher bekommen zu 100 Prozent nicht die Anweisung, Menschen mit Migrationshintergrund abzuweisen.“ Das würde seiner Aussage nach nicht zum Unternehmen passen, das Mitarbeiter aus verschiedenen Nationen beschäftigt.

„Wir konnten Vorwürfe immer entkräften“

Rassismus-Vorwürfe sind dem Betreiber aber nicht neu. „Man hört solche Vorwürfe zwischendurch manchmal, aber wir konnten sie immer entkräften“, sagt er. Die Türsteher würden nach vorhergegangenem Fehlverhalten und zum allergrößten Teil nach dem Auftreten des Gastes entscheiden. Kriterien seien der Alkoholpegel und ein respektvoller Umgang.

„Das stimmt überhaupt nicht“, sagt Dian zu den Antworten des Nightrooms-Betreibers. „Ich trinke gar keinen Alkohol und ich bin nicht aggressiv. Wenn ich auf die Tür zugehe, begrüße ich die Leute. Was kann da unrespektvoll sein?“

Durch Regina Hermanns von der Antidiskriminierungsstelle weiß Dian nun wenigstens, an wen er sich mit seinen Erfahrungen wenden kann: An Hermanns und ihre Kollegen, die auf der Internetseite des Integrationsprojekts als Ansprechpartner angegeben sind.

Info:

Wer sich in Dortmund diskriminiert fühlt, kann sich an die Antidiskriminierungsstelle wenden. Sie ist ein Teil des Vereins Planerladen und sitzt an der Borsigstraße 1 in Dortmund. Email: integration@planerladen.de und Telefon: 0231/833225. Mehr Informationen gibt es hier.

*Der vollständige Name von Dian ist der Redaktion bekannt.