Bild: Daniele Giustolisi/Dortmun24

Einen Monat nach dem schrecklichen Todesfall von Hörde, bei dem ein 15-jähriges Mädchen im Streit durch einen Messerstich ums Leben gekommen ist, hat die Stadt in einer Pressekonferenz Maßnahmen vorgestellt, wie solche Taten in Zukunft verhindert werden könnten. Unter anderem soll ein vor vier Jahren eingestelltes Projekt wieder aufleben.

Nicht nur weil Ullrich Sierau eigentlich krank ist und besser im Bett liegen sollte, wirkt Dortmunds Oberbürgermeister am Freitagnachmittag (23. März) zerknirscht. Sierau scheint der Todesfall von Hörde nach wie vor mitzunehmen. „Mir ist das Thema sehr wichtig, weil ich mich seit langer Zeit mit der Frage beschäftige, wie wir den jungen Menschen in der Stadt eine Perspektive bieten.“

Ullrich Sierau bei der Pressekonferenz im Bürgersaal der Bezirksverwaltungsstelle Hörde nach dem Todesfall am Bahnhof Hörde. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Es ist eine Perspektive, die die Jugendlichen am Tatort offenbar nicht zu haben schienen. Das Parkdeck war bei ihnen als Drogenumschlagplatz bekannt und beliebt. Hierher kamen Jugendliche aus viele Dortmunder Stadtteilen, um ihre Abende zu verbringen. „Dass der Fall ausgerechnet in Hörde passiert ist, ist aber Zufall“, sagt Bezirksbürgermeister Sascha Hillgeris. Das Problem mit den perspektivlosen Jugendlichen sei kein Hörder, sondern ein allgemeines Problem. Das zeige auch die Tatsache, dass sowohl Opfer als auch Täter nicht aus Hörde, sondern aus Aplerbeck kamen.

Und so will die Stadt in Sachen perspektivlose Jugendliche nicht nur nach Hörde schauen, sondern auf die gesamte Stadt.

Direktmaßnahmen nach Todesfall

In Hörde selbst hatte es nach dem Todesfall eine Reihe von Direktmaßnahmen gegeben. Fünf Tage nach dem tödlichen Drama zeigte die Stadt etwa mit einem Transporter des Jugendamts Präsenz am Tatort. Mitarbeiter dienten als Anlaufstation für Jugendliche. Vor Ort gab es außerdem einen Seelsorger. Am 2. März schließlich gab es eine Gedenkfeier für das verstorbene Mädchen.

Das Parkdeck am Bahnhof Hörde: Hier wurde Ende Februar ein 15-jähriges Mädchen getötet. Foto: dpa

Nach mehrwöchiger Beratung zwischen Stadt, Polizei, Verkehrsbetrieben, Schulen und anderen Akteuren gibt es nun Maßnahmen, die langfristig greifen sollen. Dabei ist eines klar: Schnellschüsse will man bei der Stadt nicht absondern. So ließ Ullrich Sierau bei der Pressekonferenz zum Maßnahmen-Paket Kritik an einem Eltern-Brief der Polizei durchschimmern, der in den letzten Tagen an Eltern Dortmunder Schüler versendet wurde. Darin warnt die Polizei Eltern vor den Risiken der Selbstbewaffnung. Sierau: „Das Thema Hörde ist komplex und geht weit darüber hinaus, ob Jugendliche Messer haben oder nicht.“ Mit solchen schnellen Hinweisen, so Sierau, sollte man vorsichtig sein.

Grundsätzlich sieht Dortmunds OB ein großes Problem in der Struktur vieler Familien. „Wir haben heutzutage die Situation, dass Jugendliche nicht in heilen Familienverhältnissen aufwachsen“, so Sierau. Oft seien es Patchworkfamilien ohne die Eltern im klassischen Sinne, Großeltern, Onkel, Tanten oder Pflegefamilie, die die Verantwortung übernehmen müssten. „Da ist die Frage, ob einige damit nicht überfordert sind.“

Nun hat die Stadt folgende fünf Maßnahmen in die Wege geleitet:

1. Schließung Parkhaus am Hörder Bahnhof

Der Tatort – das Parkhaus am Hörder Bahnhof – war vor dem Drama Treffpunkt für Jugendliche und als Umschlagplatz für „weiche Drogen“ bekannt, wie die Dortmunder Polizeioberrätin Kerstin Montag sagt. Die Konsequenz: Die Stadt hat mit dem Betreiber der Hochgarage vereinbart, die Zufahrt zum Parkdeck nach 22.30 Uhr zu schließen.

Diese weißen Zettel hängen am Parkhaus des Bahnhofs Hörde. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

2. Stärkere Präsenz von Polizei und Ordnungsamt

Die Tatsache, dass auf dem Parkdeck mit Drogen gehandelt wurde, geht Stadt und Polizei gegen den Strich – verständlicherweise. Durch mehr Präsenz von Polizei und Ordnungsamt will man den Drogenhandel unterbinden. Zum Hintergrund: Teile der dort verweilenden Gruppen wurden in Aplerbeck von einer Schule geschmissen, weil sie mit Drogen handelten. Sierau: „Diese Jugendlichen wurden danach offenbar nicht ausreichend aufgefangen.“ Auch an den Stadtbahn-Haltestellen Clarenberg und Willem-van-Vloten-Straße wollen die Einsatzkräfte künftig mehr Präsenz zeigen.

3. Sauber Umgebung

Ein Punkt, der zunächst trivial erscheint, aber wohl auch in das Thema Sicherheit und Sicherheitsgefühl hineinspielt: eine saubere Umgebung. Nicht erst nach dem Todesfall gab es Diskussionen um das Thema Sicherheit rund um den Bahnhof in Hörde. Auf dem gesamten Gelände soll es künftig sauberer werden. Die Stadt führt Gespräche mit der Deutschen Bahn, der DSW21 und der Entsorgung Dortmund.

Sieht nicht wirklich einladend aus: Der Tunnel am Bahnhof Hörde. Foto: Daniele Giustolis/Dortmund24

4. Jugendarbeit

In diese Maßnahme setzt die Stadt besonders viel Hoffnung: Die mobile Jugendarbeit soll wieder gestärkt werden. „Es gibt ja schon Angebote an Jugendfreizeitstätten“, sagt Bezirksbürgermeister Sascha Hillgeris, „aber die Gruppen vom Hörder Parkhaus nehmen diese Angebote nicht an.“ Die Lösung: Wenn die Jugendlichen nicht zur Einrichtung kommen, kommt die Einrichtung zu den Jugendlichen.

So ein Konzept gab es in Hörde bereits von einigen Jahren unter dem Namen „Rampe“ – und zwar von Mai 2012 bis Dezember 2014. Dann wurde es eingestellt. Mit Spiel- und Sportgeräten gingen eine Sozialarbeiterin und ein Sozialpädagoge damals auf Jugendliche zu, die sie an Straßen, Plätzen oder Grünflächen antrafen. Dieses Projekt soll ab dem 1. Juni 2018 neu aufleben – und zwar unter dem Namen „Rampe II“. Die Projektlaufzeit ist zunächst auf drei Jahre terminiert, wobei OB Sierau durchscheinen lässt, dass er solche Konzepte nicht der, O-Ton, „Projekteritis“ zum Opfer fallen lassen will. Heißt: Die Laufzeit von drei Jahren könnte verlängert werden. Bis das Projekt startet, will die Stadt verstärkt die Jugendfreizeiteinrichtungen in Hörde, Aplerbeck und Hombruch in die mobile Jugendarbeit in Dortmunds Süden einspannen.

Den fehlenden Treffpunkt am Phoenix See will die Stadt mit dem bereits länger bekannten Projekt „You Point“ ausgleichen. An einer Fläche an der Brücke an der B236 entsteht bis November 2018 ein Ort, an dem Jugendliche abhängen können.

5. Kooperationen stärken

Am Ende nutzt die beste Jugendarbeit nichts, wenn die Jugendlichen sie nicht annehmen. „Es gibt zum Beispiel Jugendliche, die wünschen sich in den Freizeitstätten jüngere Betreuer und nicht welche, die ihnen was von Deep Purple oder so erzählen“, sagt Ullrich Sierau. Um generell aktuelle Strukturen zu hinterfragen und zu verbessern, will die Stadt die Kooperation zwischen Schulen, Schulsozialarbeit und Jugendhilfe weiterentwickeln.