Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland steigt. Auch in Dortmund leben immer mehr Menschen ohne festen Wohnsitz und Zugang zu sauberen Sanitäranlagen. Mittlerweile sind es rund 400 Personen. Wo sollen die alle versorgt werden? Eine Möglichkeit wären Kältebusse – doch die rollen hier nicht. 

In vielen Großstädten gibt es sie bereits: Die sogenannten Kältebusse. Sie fahren durch die Städte, gabeln Obdachlose auf und versorgen diese anschließend mit heißen Getränken oder einem Schlafsack. Die Busse sind eine Initiative der Obdachlosenhilfe und fahren von Herbst bis ins Frühjahr. Sie helfen den Ärmsten und stellen die Versorgung in der kältesten Jahreszeit sicher. Nur nicht in Dortmund. Warum gibt es die Busse hier nicht?

Die Straße zum Zuhause gemacht: Für Obdachlose ist das Alltag. Foto: dpa

Träger der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosigkeit hält Kältebusse für nicht nachhaltig

Tim Cocu, Pressesprecher der Diakonie Dortmund und Lünen meint, dass die Kältebusse ein wichtiger Baustein für die Wohnungshilfe sein können. Jedoch wäre eine Kombination aus den rollenden Helfern und einem Zugang zu Schlafmöglichkeiten sinnvoller und nachhaltiger, so Cocu.

Eine nachhaltige Lösung – das wollen auch die Träger der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosigkeit. Neben der Diakonie gehören dazu der Paritätische Gesamtverband, das Gast-Haus, der VSE und Bodo e.V. Sie sind übereinstimmend der Meinung, dass Kältebusse allein in Dortmund nicht reichen würden und daher eine andere Lösung her muss. Vor allem für die Nächte nach April. Da gilt die Einsatzzeit von Kältebussen als beendet, aber es kann immer noch mal frostig werden.

In Dortmund finden Menschen ohne Obdach Hilfe bei der Zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose. Sie ist Bestandteil der Diakonie und konnte im letzten Jahr vielen Menschen zu mehr Lebensqualität verhelfen. Tim Cocu sagt dazu, dass rund 70 % der Hilfesuchenden geholfen werden konnten. Manche von ihnen würden heute sogar in Wohnungen leben.

Doch warum kommen die Kältebusse nicht trotzdem als Ergänzung für tagsüber? Weil es anscheinend zu viele Angebote gibt. Die Diakonie bietet neben ihrer Beratungsstelle eine Frauenübernachtungsstelle, das Bodelschwingh-Haus, den Brückentreff und die Bahnhofsmission an. Und das Gast-Haus auf der Rheinischen Straße steht den Wohnungslosen ebenfalls zur Verfügung. Genauso wie die Kana Suppenküche in der Nordstadt – hier gibt es fünfmal in der Woche Speisen für Bedürftige.

Das Gast-Haus statt Bank an der Rheinischen Straße. Foto: Daniele Giustolisi
Leuchtend rot und gerade deshalb unverkennbar: Das Gast-Haus in Dortmund – Anlaufstelle für Obdachlose. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Das klingt auf den ersten Blick nach einer ganzen Menge, doch die Sache hat einen Haken: Die Einrichtungen und Hilfeangebote sind in der ganzen Stadt verteilt. Die Obdachlosen müssen zunächst überall hinkommen – und das kann im Winter zur Herausforderung werden. Schnee, Regen und Wind werden dabei schnell zum Hindernis. Die Kältebusse umgehen diese Probleme ganz einfach, indem sie durch die Städte fahren und die Obdachlosen aufsammeln. So kommt die Hilfe zu den Hilfesuchenden und nicht andersrum, wie es in Dortmund der Fall ist.

„Ich bin entsetzt und empört“

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken & Piraten in Dortmund, Nadja Reigl, kann nicht verstehen, warum die Kältebusse in Dortmund immer wieder auf Ablehnung treffen. Immerhin seien sie schon länger Thema politischer Diskussionen. Und in ihren Augen höchst notwendig. In einer offiziellen Stellungnahme sagt Reigl, dass sie „entsetzt und empört“ darüber sei, dass die Idee über die Kältebusse immer wieder abgelehnt würde. Sie geht sogar so weit zu behaupten, dass die „Stadt kein Herz“ hätte.

Sie spricht in der Stellungnahme weiter davon, dass die Verwaltung immer wieder Gegenargumente nennen würde, in denen sie klarstellt, dass es in Dortmund genügend Versorgungsmöglichkeiten für Obdachlose geben würde. Die Argumentation führte in der Vergangenheit dazu, dass die SPD und CDU eigene Anträge zurückzogen. Offenbar wurden sie umgestimmt.

Immer mehr Obdachlose überall in Deutschland

Jedes Jahr veröffentlicht die BAG Wohnungslosenhilfe (BAG W) ihre Schätzungen zur Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland. Im Jahr 2016 waren das 860.000 Menschen – Tendenz steigend. Denn die BAG W prognostiziert, dass bis 2018 in Deutschland 1,2 Millionen Wohnungslose leben. Das entspricht einem Zuwachs von 350.000 Menschen. In Prozenten: Eine Steigerung von rund 40 %.

Obdachloser in Dortmund
Ein Obdachloser in Dortmunds City. Mittlerweile gehören sie schon fast zum Stadtbild. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Wo soll das hinführen? Schon jetzt sitzen etliche Obdachlose auf den Straßen und wissen im Winter nicht wohin. Auch in Dortmund wird die Situation brenzliger. Eine genaue Anzahl zu nennen ist schwierig, denn die Obdachlosen können nicht alle gezählt werden. Doch aktuellen Schätzungen nach leben mittlerweile rund 400 Leute auf Dortmunds Straßen. Und bereits im letzten Winter sind die Einrichtungen in Dortmund an ihre Grenzen gekommen. Das Gast-Haus hat begrenzte Kapazitäten und die Suppenküche öffnet nur an fünf Tagen in der Woche für jeweils zwei Stunden.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickeln wird und wo die Obdachlosen letztendlich unterkommen. Eines steht jedoch fest: Ohne Dach über dem Kopf sind viele Menschen und es werden immer mehr.

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