Besonders im Winter fallen sie auf: die vielen in ihren Schlafsäcken eingehüllten Obdachlosen in der gesamten Innenstadt. Viele Dortmunder fragen sich schon seit Jahren: Muss sowas in Deutschland sein? Die Stadt Dortmund hat nun nach Kritik von verschiedenen Seiten ihr Konzept im Umgang mit Obdachlosen auf den Prüfstand gestellt – und will jetzt an einigen Stellschrauben drehen.

„Rein rechtlich wäre es in Ordnung, wenn man alles so belassen würde, wie es aktuell ist“, sagte Sozialdezernentin Birgit Zoerner am Mittwoch bei der Präsentation des neuen Konzepts. Dann fügt sie hinzu: „Aber wir von der Stadt Dortmund sehen das ein bisschen anders.“ Soll heißen: In der Westfalenmetropole will man künftig mehr für Obdachlose machen, als rechtlich gefordert.

Dass das in den letzten Jahren nicht immer genug war, sah man immer wieder auf der Straße, häufig sogar entlang des Westenhellwegs, wo nachts Obdachlose Unterschlupf in Einkaufspassagen oder Eingängen zu Geschäften suchten. Als es Anfang dieses Jahres besonders kalt in Dortmund war, zeigte die Betreiberin der Diskothek „Spirit“ Herz, öffnete für Obdachlose Räume oberhalb der Disko. Hier durften sie dann in den kalten Nächten Anfang März schlafen.

 

Auch die Stadt bietet Schlafstellen für Obdachlose an. Aktuell sind es 30 Schlafplätze für Frauen an der Kronprinzenstraße und der Jägerstraße sowie ein paar weitere Plätze am Ostpark in einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft. Für Männer stehen aktuell 50 Plätze an der Adlerstraße bereit. Diese Schlafstellen sind in Obdachlosenkreisen nicht unbedingt beliebt. Sie gelten als laut oder schmutzig. Die Stadt Dortmund erstellt aktuell am alten Standort Unionstraße eine neue Schlafstelle für obdachlose Männer. Die Fertigstellung ist für Oktober 2018 geplant.

In Zukunft sollen die Notunterkünfte ihre eigentliche Funktion als kurzfristige Notschlafstellen zurückerlangen. Für die Männer werden dort künftig 70 (aktuell 50) und für die Frauen 50 (aktuell 30) Plätze bereitstehen.

Wohneinheiten für Obdachlose

Zusätzlich will die Stadt an der Übernachtungsstelle für Männer 25 Plätze in kleinen Wohneinheiten für zwei bis maximal vier Personen einrichten. Hier sollen Menschen dauerhaft übernachten dürfen, die psychisch krank sind. Auch für die Notschlafstellen für Frauen könnten im Einzelfall solche dauerhaften Plätze entstehen, kündigt Sozialdezernentin Birgit Zoerner an.

Menschen, die dauerhaft obdachlos sind, bietet die Stadt Dortmund weiterhin Wohnungen aus dem sogenannten „Wohnraumvorhalteprogramm“ (WVP). Das sind 70 Wohnungen verteilt im gesamten Stadtgebiet, die für Menschen zurückgehalten werden, die nicht in den Notschlafstellen übernachten wollen oder kein Interesse an fachlicher Betreuung in Tagesstätten haben, aber trotzdem laut Stadt „absprachefähig“ sind.

Neu im Programm der Stadt für Menschen ohne Wohnung sind 25 Unterbringungsplätze für Männer und Frauen, die schwer drogenabhängig sind. Hier sollen sie professionelle Hilfe erhalten. Wann das Projekt an den Start geht, ist bislang aber unklar. Auch nicht absehbar ist der Start für eine Einrichtung mit 20 Notschlafplätzen für „junge Erwachsene“, die Hilfe der Stadt ablehnen.

In Kooperation mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) plant die Stadt zudem ein ambulantes Wohnangebot mit 25 Plätzen für Menschen mit „multiplen Problemlagen“. In dem Projekt mit dem Namen „Pension Plus“ sollen diese Menschen erst niederschwellige Hilfe erhalten, später so weit sein, dass sie sich auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt umschauen können.

Förderung für das Gast-Haus

Bei der Arbeit mit Obdachlosen ist die Stadt maßgeblich auf Helfer und Einrichtungen wie das Gast-Haus an der Rheinischen Straße angewiesen. Mit 100.000 Euro wird es nun jährlich von der Stadt Dortmund gefördert. Erstmals hatten das die Grünen im Rat der Stadt gefordert. Erste Konsequenz daraus: Die Öffnungszeiten wurden bereits verlängert. Die Initiative „Gast-Haus statt Bank e.V.“ hat einen Finanzbedarf von circa 500.000 Euro jährlich. Er wird unter anderem durch Spenden gedeckt. Mit der Förderung will man im Gast-Haus mehr Beratung anbieten.

Das Gast-Haus statt Bank an der Rheinischen Straße. Foto: Daniele Giustolisi
Das Gast-Haus statt Bank an der Rheinischen Straße. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Letzter Punkt im Maßnahmenkatalog der Stadt ist das Angebot für Obdachlose, Geld zu verdienen. So gibt es künftig verstärkt die Möglichkeit, für 1,50 Euro die Stunde als sogenannte „Arbeitsgelegenheit“ (AGH) Räume zu putzen – zum Beispiel in den Notunterkünften. Im besten Fall winkt bei guter Arbeit ein Platz in der Stadtteilwerkstatt. Hier haben Obdachlose die Gelegenheit, Handwerksberufe zu erlernen.

Von Obdachlosigkeit bedroht oder schon obdachlos? Das Sozialamt der Stadt Dortmund bietet einen sogenannten „Notdienst“ an. Das ist ein Bereitschaftsdienst, der rund um die Uhr Unterbringungen für Hilfsbedürftige regelt. Die Rufnummer ist allerdings nur Polizei, Feuerwehr und den Rettungsdiensten sowie den professionellen Akteuren im Hilfesystem bekannt.

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