Bild: Videonews24

Dieser Artikel entspricht der Meinung der Autorin und muss nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen.

In welcher Welt leben wir eigentlich? Das frage ich mich, wenn ich mir die Polizeimeldungen seit vergangenem Sonntag durchlese. Ein Mann sticht auf offener Straße mit dem Messer auf einen anderen ein. Ein Rentner schießt auf seinen Arzt. Und so weiter.

Zwei Tage lang war es in unserer Dortmund24-Redaktion das Thema Nummer eins – wie wahrscheinlich auch an den Küchentischen in Dortmund und auf Facebook: Ein Mann hat im St.-Josefs-Hospital in Hörde auf seinen Arzt geschossen. Vermutlich wegen einer missglückten Operation.

Eine Kollegin sagte am Tag nach der Tat zu mir: „Irgendwie habe ich so ein Motiv schon vermutet. Das klang alles wie in so einer Arztserie.“ Damit hat sie vollkommen recht. Solche Geschichten kennen wir aus Serien und Büchern. Und dann passieren sie auf einmal im realen Leben. In der Stadt, in der ich wohne.

Das war diese Woche nicht die einzige Hiobs-Botschaft. In der Nordstadt hat ein Mann auf einen anderen mit einem Messer eingestochen. Und vor Gericht musste sich ein 24-Jähriger verantworten, der seiner Cousine im Januar den Schädel mit einem Hammer eingeschlagen hatte.

In das E-Mail-Postfach unserer Redaktion flattern jede Woche zahlreiche Meldungen von der Polizei. Kurze Texte, Schwarz auf Weiß auf dem Bildschirm. Ein Verkehrsunfall mit Blechschaden, eine vermisste Rentnerin. Und dann die Überschrift: „Arzt in Dortmunder Krankenhaus angeschossen“.

Nicht in einer Serie, sondern in Hörde

Ich brauche bei solchen Meldungen immer ein paar Momente, um deren Bedeutung zu realisieren. Ein Mann schwebt in Lebensgefahr. Angehörige und Freunde brechen vermutlich in Tränen aus, bangen um einen nahestehenden Menschen. Und das alles nicht in irgendeiner Serie, um Spannung aufzubauen. Sondern in der realen Welt. In Hörde, fünf Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt.

Doch über kurz oder lang ist der Fall vergessen. Ich bin wie wir alle solche Meldungen gewohnt. „Mir passiert das sowieso nicht“, ist meine leichtfertige Einstellung. Aber unterbewusst gehen mir die Meldungen nahe. Manche brennen sich auch lange in mein Gedächtnis ein. Wie die Studentin, die in der Nähe der Uni von einem Mann mit Pistole bedroht wurde. Kein Krimi in den USA, sondern Realität auf einem Parkplatz an der Otto-Hahn-Straße.

Manche Nachrichten bleiben lange im Kopf von  Sandra Schaftner hängen. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Wo ist der Respekt der Menschen voreinander hin? Der Respekt vor dem Leben? Oder einfach nur die Vernunft? Warum gehen die Menschen mit Pistolen, Messern und Hämmern aus dem Haus? Auf diese Fragen gibt es keine allgemein gültige Antwort. Die Fälle sind alle unterschiedlich. Deswegen ist auch eine Lösung unmöglich.

Die Polizei hat dieses Wochenende eine zeitweilige Waffenverbotszone am Dortmunder Hauptbahnhof eingerichtet. So weit ist es schon gekommen. Sie will ein Zeichen setzen, weil die Zahl der Straftaten in den Hauptbahnhöfen im Ruhrgebiet immer weiter zunimmt. 2018 waren es bereits 54 Fälle mit Waffen.

Aber zwei waffenfreie Nächte am Dortmunder Hauptbahnhof werden kaum die Lösung sein. Das weiß die Polizei auch. Aber mehr ist laut ihrer Aussage personell nicht möglich. Die Frage ist, ob wir das wollen würden: Ständige Waffenkontrollen am Hauptbahnhof, vielleicht Durchsuchungen auf der Straße.

Mir gefällt diese Vorstellung nicht. Aber eine Woche wie diese, mit so vielen Berichten über Waffenverbrechen? Diese Welt gefällt mir auch nicht.

Keinen Rentner und keinen Drogendealer abhängen

Was also tun? Ich finde: Wir müssen das Problem an der Wurzel packen. Ich weiß, das hören wir ständig, wenn es keine einfache Lösung gibt. Aber es ist der einzige Ausweg. Es darf gar nicht erst so weit kommen, dass die Menschen sich bewaffnen. Kein 78-jähriger Rentner und kein Drogendealer dürfen so sehr von der Gesellschaft abgehängt werden.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand so wenig Respekt vor dem Leben anderer Menschen haben kann. Bei den Straftätern muss einiges schief laufen. Das müssen die Mitbürger erkennen. Wir müssen aufmerksamer auf unsere Mitmenschen schauen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft mit mehr Achtsamkeit und Respekt. In Serien ist das selten. Aber für das echte Leben habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.