Dortmund hätte das Potenzial zur Fahrradstadt. Diesen Satz schreibe ich extra im Konjunktiv. „Hätte“ deshalb, weil es viele Hindernisse für Dortmunder Fahrradfahrer gibt. Aber was, wenn die Wege nicht mehr jährlich voller Laub oder Schneehaufen sind? Was, wenn sie nicht auf schmalen Gehwegen voller Schlaglöcher verlaufen?

Die Liste der „Wenns“ ist lang. Fahrradfahren in Dortmund gleicht teilweise einem Hindernislauf auf zwei Rädern. Eines der Hindernisse, die Schneemassen auf den Fahrradwegen, will die Stadt in diesem Jahr langsam angehen. Sie hat diese Woche bekannt gegeben, dass sie ein Pilotprojekt starten will. Der ein Kilometer lange Radweg von der westlichen Innenstadt über die Schnettkerbrücke bis zur Technischen Universität Dortmund wird ab sofort bei Schnee und Eis mit höchster Priorität gestreut und geräumt.

Das ist einer von insgesamt 650 Kilometern Radwege in Dortmund. Nicht viel, aber immerhin ein Anfang. Die Stadt hat nach Aussage von Sprecherin Heike Thelen schon weitere Radwege im Visier, falls das Projekt erfolgreich ist.

Keine freie Fahrt

Aber selbst wenn der Winterdienst zukünftig alle Fahrradwege schnell freiräumen würde, wäre Dortmund bei Weitem noch nicht fahrradfreundlich. Übrig bleiben unter anderem noch das Laub, die Schlaglöcher und die parkenden Autos auf den Radwegen.

Der gesamte breite Fahrradstreifen auf der Wittekindstraße ist voller Laub.
Im Herbst liegen manchmal die Fahrradwege voller Laub – wie hier auf der Kreuzstraße. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Gegen das Laub könnte die Stadt mit ähnlichen Mitteln vorgehen wie gegen den Schnee. Das Laub wird von der EDG weggeräumt. Wie oft sie das machen muss, ist in der Straßenreinigungs- und Gebührensatzung geregelt. Viele Straßen werden nur ein bis drei Mal pro Woche gereinigt. Das heißt, das Laub sammelt sich dort über zwei Tage bis hin zu einer Woche.

Fahrradweg geht auf dem Gehweg weiter

Wenn ihr öfter mit dem Fahrrad in Dortmund unterwegs seid, kennt ihr die Situation bestimmt. Ihr fahrt gemütlich auf dem extra beschrifteten Fahrradweg – plötzlich endet er und rechts von euch steht ein Schild für den gemeinsamen Fußgänger- und Fahrradfahrerweg. Dann müsst ihr schnellstmöglich auf den Gehweg fahren. Doch dort laufen alle paar Meter Fußgänger. So klingelt ihr in einer Tour, fahrt Schlangenlinien um die Fußgänger herum und ruft abwechselnd „Danke“ und „Vorsicht“. Zusätzlich müsst ihr noch auf die Unebenheiten im Teer aufpassen, damit ihr nicht von der Spur abkommt und keinen Fußgänger umfahrt.

Müll, Fahrradweg, Gehweg
Typisch für viele Straßen in Dortmund: Kurz vor diesem Schild auf der Lindenhorster Straße hört der eingezeichnete Fahrradweg plötzlich auf. Dann geht es auf dem Gehweg in Schlangenlinien um Müll und Fußgänger herum. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Auf der Hohen Straße hört der Fahrradweg zwar nicht auf, aber Hindernisse haben Fahrradfahrer dort trotzdem oft. Die meisten Autos, die Menschen ein- und aussteigen lassen, und zu Lieferzeiten vor allem die Kleinlaster, nehmen auf die Straßenmarkierung keine Rücksicht. Das ist zwar kein Problem, das die Stadt unmittelbar lösen kann. Aber wenn durch die anderen Maßnahmen mehr Fahrradfahrer unterwegs sind und alle schimpfend an den haltenden Autobesitzern vorbeifahren, würde das vermutlich die Ignoranz verringern.

Allein unter Autos

Zurzeit ist auf den Fahrradwegen in Dortmund relativ wenig los. Wenn auf der Hohen Straße an der Ampel sechs bis acht Autos auf zwei Spuren warten, steht ihr daneben oft alleine. Kein Vergleich zu anderen Städten, in denen zur Rushhour Kolonnen von Fahrradfahrern unterwegs sind.

Das bestätigen die Zahlen. Laut dem Zielkonzept zum Masterplan Mobilität 2030, das die Stadt Dortmund 2017 erarbeitet hat, nutzen die Dortmunder nur für sechs Prozent ihrer Wege das Fahrrad. Fast überall im Ruhrgebiet wird mehr geradelt. Nur südlich von Dortmund, im bergigen Sauerland, nutzen verständlicherweise weniger Menschen das Rad. Das geht aus dem Bericht zur Lage der Umwelt in der Metropole Ruhr 2017 hervor.

Umwelt Dortmund Verkehr
Das sind die Wegeanteile von Verkehrsmitteln in der Metropole Ruhr. Quelle: Regionalverband Ruhr und Wuppertal Institut

Kurze Wege in Dortmund

Dabei wäre Dortmund eine ideale Fahrradstadt. Sie ist zum einen nicht so bergig wie beispielsweise das Sauerland. Zum anderen wohnen in Dortmund viele Leute nah an der Innenstadt, zum Beispiel in der Nordstadt oder in den südlichen Wohnquartieren, wie Kaiserviertel, Saarlandstraßenviertel, Kreuzviertel und Klinikviertel. Von überall dort brauchen die Bewohner fünf bis 15 Minuten ins Zentrum. Andersherum brauchen die Menschen aus dem Zentrum nur ein paar Minuten zu den Kneipen im Kreuzviertel.

Selbst die Stadtteile, die außerhalb der Innenstadt liegen, sind mit dem Fahrrad in einer halben Stunde vom Zentrum aus zu erreichen. Dazu zählen zum Beispiel Lindenhorst, Wambel, Phoenix-West, Eichlinghofen, Dorstfeld und Hafen.

Außerdem wollen gar nicht alle Dortmunder in die Innenstadt. In Dortmund gibt es viele kleine Orts-Zentren mit zahlreichen Geschäften, Ärzten und Gastronomie. Wer beispielsweise in Asseln wohnt, muss zum Einkaufen nicht wöchentlich ins Zentrum fahren. Direkt nebenan in Brackel gibt es viele Geschäfte. Es geht bei diesen Beispielen nicht um den großen Wocheneinkauf, bei dem das Auto durchaus sinnvoll ist. Sondern um die kurzen Autofahrten ohne vollen Kofferraum.

Das Zentrum von Brackel bietet viele Einkaufsmöglichkeiten. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Dass die Dortmunder kurze Wege im Alltag haben, zeigen die Zahlen aus dem Zielkonzept zum Masterplan Mobilität 2030. Demnach sind 59 Prozent aller Wege unter fünf Kilometer lang. Fünf Kilometer schafft der durchschnittlicher Radfahrer locker unter einer halben Stunde. Auch wenn ein paar Hügel auf dem Weg liegen.

Sandra Schaftner. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Vorbild Oberbürgermeister

Das Fahrrad könnte also Einzug in den Alltag vieler Dortmunder nehmen. Ein gutes Vorbild sitzt im Rathaus: Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der bekanntlich regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt.

Aber es ist verständlich, wenn viele Dortmunder wegen der schlechten Fahrradwege nicht vom Auto umsteigen wollen. Das wird sich hoffentlich bald ändern, zum Beispiel durch den Masterplan Mobilität 2030. Da sind wir zurzeit alle gefragt. Die Stadt bietet an, dass wir alle Ideen, Anregungen und Fragen per E-Mail an die Verwaltung schicken. Diese Gelegenheit sollten wir nutzen, wenn wir möchten, dass sich etwas ändert. Die Verwaltung kann schließlich nicht wissen, wie viele unzufriedene Dortmunder Fahrradfahrer es gibt. Und wie viele bei besseren Bedingungen aufs Fahrrad umsteigen würden.

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