Die Entwürfe für das neue Stadtquartier nördlich des Hauptbahnhofs wirken vielversprechend. Sie sollen die Nordstadt auch sichtbar aufwerten und barrierefrei mit der Innenstadt verknüpfen. Das kann aber nur gelingen, wenn die Planer nicht übers Ziel hinausschießen. Sonst droht das Gegenteil einzutreffen.

Tritt man aus einem der beiden Ausgänge des Dortmunder Hauptbahnhofs in die Nordstadt, stellt sich nur selten Begeisterung ein. Man blickt auf einen Platz, der keiner ist. Sieht links das wuchtige Postgebäude, hinter dem provisorischen Busbahnhof schaut man direkt auf das Arbeitsamt. Das ist unwürdig für einem Stadtbezirk, der sicher Probleme hat, in dem sich aber nicht nur kulturell so viel bewegt.

Dortmunder Hauptbahnhof. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24
Der Dortmunder Hauptbahnhof im Februar 2017. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Die Bahngleise trennen wie ein tiefer Schnitt dieses Quartier von der City. Und die Wunde klafft noch immer. Jetzt soll sie endlich geschlossen werden. Bis mindestens 2030 soll die Operation dauern. Was der Eingriff kosten soll, ist noch unklar. Dortmunder und Zugezogene sprechen von der Nordstadt mitunter von einer No-Go-Area, ohne jemals dagewesen zu sein. Es ist unnötig, hier eine Lanze zu brechen für einen Stadtbezirk, in dem gesellschaftliche Probleme historisch gewachsen sind. Dennoch wird es sich bei dem neuen Tor in die nördliche Innenstadt keineswegs um eine ansehnliche Pforte in die „Unterwelt“ oder den schicken neuen „Eingang zu Hölle“ handeln, wie manche Kommentatoren unter unserem Artikel befürchten.

Vorurteile wegbauen

Vorurteile gegenüber der Nordstadt und ihren Bewohnern abbauen, indem man Barrieren wegbaut? Was die Planer zunächst baulich verstanden wissen wollen, wird auch gesellschaftliche Folgen haben – für die gesamte Stadt. Das Vorhaben kann gelingen, wenn ein Übergang geschaffen wird, der sich ins bestehende Bild einfügt. Dann wird der Versuch, der Nordstadt ein positiveres Image zu geben, endlich auch baulich sichtbar.

Schön ist anders: einer der Eingänge an der Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhofs. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Klar ist aber auch: Der Umbau des neuen Stadtquartiers wird ein Mammutprojekt. Die Idee der Stadtplaner, über einen Wettbewerb Vorschläge zu sammeln, ist clever. Dennoch bleibt unklar, wie die Entwicklung des Vorplatzes mit den bereits laufenden Arbeiten am Bahnhof verwoben werden soll. Seit Oktober werkelt die Bahn bereits, 2024 soll die Station fertig sein. Planungsdezernent Ludger Wilde rechnet für das Quartier jedoch nicht vor 2022 mit dem Spatenstich. Ein enger Zeitplan.

Die Fallhöhe ist riesig

Interessant ist auch der Hinweis einiger Leser auf das sogenannte Ufo. Wie die Ruhrbarone bereits 2012 berichteten, plante die Bahn 1998 für den Neubau des Hauptbahnhofs offenbar ein Rund aus Glas und Stahl. Ein Prachtbau, wie er prächtiger kaum sein könnte. Was aus den damaligen Plänen geworden ist, sieht man an dem im Juni 2011 eröffneten, sanierten Bahnhofsgebäude. Neue Fassade, alte Probleme – wie die fehlende Barrierefreiheit.

Aufgeräumt, unaufgeregt, funktional: der Entwurf der Architekten Trojan und Trojan.

Es darf erwartet werden, dass die Stadt – nachdem die Besitzrechte geklärt sind – am Nordausgang keinen Prachtbau ankündigt, um dann einen billigen Betonklotz hochzuziehen. Das würde dem grundlegenden Gedanken, die Barriere zur Nordstadt zu durchbrechen, entgegenstehen. So schön er aussieht, der futuristische Entwurf würde nicht zum Eingang in die Nordstadt passen. Eine Leserin hält ihn für „unrealistisch“. Zu Recht: Auch aus Kostengründen dürfte die grüne Rampe utopisch sein. Eine offene, zurückgenommene, funktionale Architektur scheint da weitaus realistischer.

Dass es zahlreiche Ansätze gibt, wie bestehende Strukturen aufgegriffen werden können,  zeigen die drei Gewinnerprojekte eindrucksvoll. Welche Ideen schließlich auch in das Konzept des neuen Quartiers einfließen werden: Das Projekt bedeutet wirtschaftlich und gesellschaftlich eine riesige Fallhöhe für Stadt und Planer.

 

Weitere Informationen zu dem Projekt Hauptbahnhof-Nord findet ihr hier.

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