Bild: Nadja Lucas/Dortmund24

15. Februar: Das ist der Tag, an dem die Mieter des Hannibals II in Dorstfeld zum letzten Mal in ihre Wohnungen dürfen. Der Eigentümer Intown will das Gebäude am darauffolgenden Tag zumauern. Viele ehemalige Bewohner haben noch einen Großteil ihres Besitzes in den Wohnungen.

Am 21. September 2017 wurde der Hochhauskomplex Hannibal II in Dorstfeld geräumt. Etwa 730 Mieter mussten raus. Inzwischen wohnen sie teils in eigenen Wohnungen, teils in Wohnungen der Stadt (circa 245), in der Übergangseinrichtung Breitenbachstraße (circa 43) oder bei Bekannten. Was in vielen Fällen als Übergangslösung gedacht war, wird jetzt zur Dauersituation. Die Mieter können auf absehbare Zeit nicht in den Hannibal zurück. Der Mieterverein Dortmund geht von mindestens sechs Jahren aus.

„Gnadenlos kurze Frist“

Die Mieter haben die Mitteilung heute von der Stadt erhalten. Bis zum 15. Februar haben sie Zeit, ihren Besitz aus den Wohnungen zu holen. „Das ist eine gnadenlos kurze Frist“, sagt Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mietervereins Dortmund. Einige Hannibal-Mieter hätten noch den Großteil ihrer Sachen in den Wohnungen. Auch wenn sie derzeit aufgrund der Nutzungsuntersagung nicht dort wohnen können, haben sie (bis 15. Februar) weiter Zugang zu ihren Wohnungen und können ihre Sachen dort lagern. Das ist laut Stücker ihr Recht als Mieter. Viele haben in ihren Übergangswohnungen oder bei den Bekannten, bei denen sie derzeit unterkommen, keinen Platz für all ihre Sachen. Jetzt haben sie weniger als einen Monat Zeit, eine Lösung zu finden.

Betroffen sind die meisten der ehemaligen Hannibal-Bewohner. Etwa 730 lebten zum Zeitpunkt der Räumung im Hannibal. Einige zogen in der Zwischenzeit aus, doch der Großteil ist weiterhin offiziell Mieter, so Stücker. Sie zahlen jedoch derzeit rechtmäßig keine Miete, weil sie das Gebäude nicht bewohnen können.

Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mieterverein Dortmund. Hier spricht er bei einer Demo der Bewohner des Hannibals II. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Mieterverein zieht vor Gericht

Der Mieterverein hält die Schließung des Hannibals nicht nur für unmenschlich, sondern auch für unrechtmäßig. Er hat dem Eigentümer Intown eine Frist bis Montag (22. Januar) gesetzt, die Entscheidung rückgängig zu machen. Stücker rechnet jedoch nicht damit, dass dies geschieht. Dann will der Mieterverein beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung beantragen, damit die Mieter weiter Zugang zum Hannibal haben.

Den Mietern rät der Verein jedoch, bis zum 15. Februar zumindest alle wichtigen Dokumente vorsorglich aus ihren Wohnungen herauszuholen.

Hannibal wird vorerst Ruine

Für die Zukunft des Wohnhauskomplexes gibt es laut dem Mieterverein verschiedene Szenarien. Es sei denkbar, dass der Eigentümer Intown den Hannibal sanieren wird, wie er das mehrfach angekündigt hat. Jedoch wird er damit – wenn überhaupt – erst beginnen, wenn das Gerichtsverfahren, das Intown wegen der Räumung gegen die Stadt Dortmund führt, abgeschlossen ist. Das kann laut Stückers Schätzung etwa vier Jahre dauern.

Was das heißt, sagt Stücker ganz deutlich: „Wir steuern auf eine Hannibal-Ruine zu.“ Er vergleicht den Hannibal mit dem „Horrorhaus“ an der Kielstraße 26 in der Nordstadt. Die Schrottimmobilie steht seit 15 Jahren leer. Kommendes Jahr soll sie abgerissen werden.

Es könnte aber auch anders kommen. Laut Tobias Scholz, Sprecher des Mietervereins, ist die Situation beim Hannibal anders als beim Horrorhaus vor 15 Jahren. Damals waren 102 Wohnungen betroffen, beim Hannibal 412. Damals war der Wohnungsmarkt bei Weitem nicht so angespannt wie heute. Und mit dem Hannibal verliert Dortmund 412 Wohnungen in bester Lage mit S-Bahn-Anschluss und kurzem Weg zur Uni.

Scholz könnte sich vorstellen, dass es bei einem Verkauf des Hannibals positiv für das Gebäude weitergehen könnte. „Die Frage ist aber, wie viel Geld Intown fordert und ob sich ein Käufer findet“, so Scholz.

Möglich wäre laut Stücker ebenso, dass Lütticher 49 Properties GmbH, eine Tochter von Intown und zuständig für die Immobilien im Ruhrgebiet, in die Insolvenz geht. Der Hannibal würde in diesem Fall zwangsversteigert werden. Dann sind ähnliche Optionen offen wie beim Verkauf.

Hannibal Dorstfeld
Der Hannibal wird durch jahrelangen Leerstand zur Ruine, meint Rainer Stücker vom Mieterverein. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Bausubstanz verfällt

Ein Problem in allen Fällen ist, dass Intown bereits die Heizungsanlage ausgeschaltet hat. Das ist schlecht für die Bausubstanz. Außerdem: Wenn der Hannibal wegen des Gerichtsverfahren wie vom Mieterverein prognostiziert mehrere Jahre stillsteht, verfällt die Bausubstanz immer weiter. Vor der neuen Nutzung muss der Hannibal auch brandschutztechnisch saniert werden. Das war der Grund für die schnelle Räumung durch die Stadt.

In diesen Fall kommt langsam Bewegung. Laut einer Sprecherin der Stadt hat Intown der Stadt vergangene Woche eine Klagebegründung und das Brandschutzgutachten zum Hannibal geschickt. Gegenüber dem Mieterverein schreibt Intown: „Wie bereits zum Zeitpunkt der Räumung, inzwischen gestärkt vom Inhalt eigener gutachterlichen Bewertungen, bleibt unsere technische und rechtliche Einschätzung unverändert. Die Räumung des Gebäudes war aus brandschutztechnischer Sicht unangemessen, aus rechtlicher Sicht rechtswidrig.“ Die Stadt will das Gutachten nun prüfen.

Mieter erhalten keine Infos von Intown

Stadt, Mieterverein und Mieter haben weiterhin erhebliche Probleme bei der Kommunikation mit Intown. Die Mieter haben von der anstehenden Schließung nicht von Intown, sondern durch die wöchentliche Freitagsinfo der Stadt erfahren. Intown hat laut Stücker zwar Briefe an die Mieter angekündigt, diese sind jedoch erst am Freitag (19. Januar) bei den Mietern eingegangen. Da hatte man von der Schließung ja bereits erfahren.

Gegenüber dem Mieterverein und der Stadt hat Intown verschiedene Angaben gemacht. Dem Mieterverein teilte Intown per E-Mail mit, dass der Hannibal am 31. Januar geschlossen werde. Die Mitteilung an die Stadt mit dem Datum 15. Februar ist jedoch aktueller und wird daher von allen Parteien als verbindlich angesehen.

Der Mieterverein hat für den 31. Januar um 17 Uhr zu einer weiteren Mieterversammlung aufgerufen. Veranstaltungsort ist aller Voraussicht nach die DASA. Hier sollen dann weitere Fragen geklärt werden.