62 statistische Bezirke gibt es in Dortmund. Und jeder Einzelne hat seine Besonderheiten. In Hörde den Phoenix See, in Aplerbeck das Rathaus und in Derne? Genau diese Frage versuchen Susanne Linnebach und ihr Team zu beantworten. Die Abteilungsleiterin vom Amt für Wohnen und Stadterneuerung steht Dortmund24 Rede und Antwort.

Dortmund24: Frau Linnebach, warum eigentlich Derne?

Susanne Linnebach: Wir saßen vor etwa zwei Jahren  in den Gebäuden der Industriedenkmalstiftung im nördlichen Maschinenhaus der Gneisenau-Zeche. Da haben wir überlegt, dass man von diesen denkmalgeschützten Objekten ausgehend eine sehr positive Entwicklung für Derne erzeugen kann. Deshalb Derne. Wir haben uns Derne dann genauer angeschaut und eine Quartiersanalyse durchgeführt. Dabei haben wir gesehen, dass es in Derne viele Dinge gibt, die sehr positiv sind. Es ist ein grüner Stadtteil mit viel Infrastruktur, Spielplätzen und Schulen. Aber es gibt auch Einiges, was man durchaus verbessern könnte. An diesen Potenzialen möchten wir gerne ansetzen mit einem Handlungskonzept oder anders gesagt Stadterneuerungskonzept.

Das Amt für Wohnen und Stadterneuerung untersucht Leerstandszahlen, Sozialdaten, Arbeitslosenzahlen und Anzahl der Transferhilfeempfänger (Wohngeld, etc.). So werden Stadtteile mit Defiziten gefunden. Ein Defizit ist immer dann vorhanden, wenn der Stadtteil seinem Anspruch als Versorgungszentrum nicht mehr gerecht wird, also keine gute Lebensqualität bietet. Hier schreitet das Amt stabilisierend ein.

In Derne ist das der Fall und deshalb greift die Stadt jetzt ein. Vor allem sieht das Amt vergeudetes Potenzial.

Zuerst werden die Einwohner gefragt, was sie an ihrem Stadtteil ändern würden. In Derne fand das im Rahmen des Nordwärts-Projektes statt. Die Ideen aus dieser Beteiligungsveranstaltung wurden dann analysiert und zum Teil mit in das Konzept aufgenommen.

Außerdem hat die Stadt eine Quartiersanalyse erstellt, bei der die Derner Fragebögen ausfüllen mussten. Außerdem hat es Einzelinterviews mit Experten aus der Verwaltung, Politik oder auch den Schulen gegeben. Aus all diesen Einzelstücken entsteht dann das Stadterneuerungskonzept, dass man hier nachlesen kann. 

Dortmund24: Was hat denn die Quartiersanalyse genau ergeben?

Susanne Linnebach: Unsere Erkenntnisse sind, dass das Erscheinungsbild von Derne nicht optimal ist und verbessert werden muss. Das bezieht sich auf die öffentlichen Räume, sprich den Straßenzustand, die Grünflächen. Ganz viele haben gesagt, die Verbindung ist sehr schlecht zwischen der ehemaligen Zeche Gneisenau und dem Stadtteil. Ganz viele Personen haben sich ein Begegnungszentrum für den Stadtteil gewünscht, an dem man sich treffen kann, auch generationsübergreifend. Das waren die Hauptpunkte.

Derne Zeche Gneisenau
Die Zeche Gneisenau. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Außerdem sollten Eigentümer unterstützt werden, weil die Fassaden nicht in so einem guten Zustand sind. Und deshalb haben wir jetzt auch angeregt, dass es Beratungsleistungen seitens der Stadt geben soll. Und gegebenenfalls auch finanzielle Mittel, um die Eigentümer zu unterstützen.

Was die Derner aber auch gesagt haben: Wenn man in Derne lebt, dann ist es hier eigentlich ganz schön. Aber der Stadtteil wird von außen nicht so positiv wahrgenommen, gar nicht so positiv. Der ist in den Köpfen der Leute noch so als Zechenstandort verankert, obwohl die Zeche ja schon lange geschlossen ist. Wir müssten also eigentlich eine Imagekampagne starten.

Fassaden aus einem Guss: Wird so das „neue“ Derne?

Dortmund24: Es gibt ja sehr viele alte Häuser in Derne aus der Gründerzeit und dem Jugendstil. Was kann beispielsweise die Idee des Fassadenprogramms für den Stadtteil leisten?

Susanne Linnebach: Die Eigentümer erhalten von der Stadt einen finanziellen Zuschuss zur Sanierung der Fassaden, aber auch zu einer Fassadenbegrünung, einer Dachbegrünung oder einer Hofgestaltung. Das heißt, wenn ich meine Fassade farblich gestalte oder sogar mit Licht gestalte, dann kann ich 50 Prozent der Kosten erstattet bekommen. Der Förderanteil ist aber abhängig von der Fassade.

Dortmund24: Gibt es denn ein Konzept in welche Richtung das gehen soll?

Susanne Linnebach: Wir wollen in Derne einen Quartiersarchitekten damit beauftragen, Gestaltleitlinien zu entwickeln. Oder besser Ideen, wie sich das Ortsbild entwickeln kann. Also so markante Punkte wie den Kreisverkehr am Ortseingang. Auch wenn wir in den meisten Quartieren keine Gestaltleitlinienhaben, haben wir die Eigentümer dahingehend beraten, dass sie auch Farben verwenden, die sie auch in fünf Jahren noch attraktiv finden.

Sauberkeit und Gemeinschaft – das sind die Wünsche der Einwohner

Dortmund24: Die Bewohner finden laut Befragung ihren Stadtteil nicht sauber. 52,6 Prozent der Befragten haben gesagt, es ist nicht oder nur teils/teils sauber. Woran liegt das?

Susanne Linnebach: Da kommt häufig eins zum anderen. Manchmal ist es wirklich nicht sauber, dann liegen irgendwelche Werbeblättchen oder Zeitschriften auf der Straße. Dann muss man versuchen, über den Kontakt mit dem Entsorger etwas zu ändern oder über eine Ansprache der Bewohner. Manchmal hängt das aber auch mit dem Erscheinungsbild einer Straße und mit dem öffentlichen Raum zusammen. Wenn das Straßenbild und die Fassaden sauber sind, haben die Menschen größere Hemmungen, ihren Müll auf die Straße zu werfen und geben auch mehr Acht auf die Umgebung. Ich hoffe auch, dass das passiert, wenn der Stadtteil eine Erneuerung hinter sich hat. Aber das ist ein langer Prozess.

Dortmund24: Die Derner haben sich in der Befragung ein Stadtteilquartier gewünscht. In welcher Form könnte das gestaltet werden?

Susanne Linnebach: Erstmal stellen wir uns das so vor, dass das in den denkmalgeschützten Gebäuden passiert. Wir haben uns mit der Denkmalstiftung das Fördermaschinenhaus Nord ausgeguckt als Erlebnis- und Begegnungsort, auch mit außerschulischem Lernort. Teilweise wird das schon bespielt durch den Förderkreis der Zechenkultur. Wie das aber genau aussehen soll, das muss noch erarbeitet werden.

Dortmund24: Wie kann so ein Ort die Strahlkraft nach außen erhöhen?

Susanne Linnebach: Der Begegnungsort ist tatsächlich ein Ort für die Menschen, die dort leben. Das ist auch unser Ansatz. Die Strahlkraft nach Außen entwickelt das Projekt dadurch, dass die Lebensqualität steigt und die Bewohner dieses Gefühl dann nach außen tragen. So dass auch der Hörder mitkriegt – in Derne, da tut sich was ganz Positives. Hörde ist übrigens genau aus so einer Situation heraus gekommen. Durch so ein großes Projekt wie den Phoenix See erhalten die Stadtteile einen Riesen-Push. In Derne wollen wir das im Kleinen auch machen, indem wir die Zechengebäude anders inszenieren. Das bedeutet, dass wir eine Nutzung dorthin bringen und die Gebäude denkmalgerecht sanieren müssen.

Beim Dortmund24-Stadtteilspaziergang in Derne hat Autorin Sandra keinen positiven Eindruck vom Stadtteil bekommen. Einige Leser und auch die Stadt kritisierten das. Hier könnt ihr die Geschichte noch einmal nachlesen.

Derne
Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Dortmund24: Man sagt, dass jeder von der Stadt investierte Euro eine private Investition von circa sieben Euro nach sich zieht. Womit können wir in Derne rechnen?

Susanne Linnebach: Da können Sie mich auf eine Zahl nicht festnageln. Allein durch unser Fassadenförderprogramm stoßen wir eine Vielzahl privater Investitionen an. Wenn die Eigentümer die Fassade aufwerten, investieren sie häufig an anderen Stellen. Wir haben das damals im Unionviertel gesehen, als der U-Turm noch Brauerei-Gebäude war. Als wir den Förderbescheid für den U-Turm dann erhalten haben, haben ganz viele Eigentümer auch selber in ihre Immobilie investiert oder Investoren sind aufmerksam geworden und wollten Flächen kaufen. Öffentliche Investitionen führen zu verbessertem Ortsbild, zu verbesserter Infrastruktur und heben tatsächlich Investitionshemnisse auf. Das führt auch dazu, dass der Glaube ans Quartier zurückgewonnen wird.

Sechs Millionen sollen in Derne investiert werden

Dortmund24: Wie teuer wird die Erneuerung von Derne für die Stadt Dortmund?

Susanne Linnebach: Insgesamt planen wir mit sechs Millionen Euro, davon werden bis zu 70 Prozent von Bund und Land gefördert. Die Quote wird aber jedes Jahr neu ermittelt. Das ist immer abhängig von der Haushaltssituation der Stadt.

Dortmund24: Wann geht es denn los?

Susanne Linnebach: Wir müssen die einzelnen Maßnahmen noch weiter qualifizieren. Das braucht noch Zeit. Deshalb werden wir auch erst 2020 anfangen. Die vorbereitenden Maßnahmen laufen aber jetzt schon an. Los geht es 2018 mit der Sanierung der Altenderner Straße, die vom Tiefbauamt betreut wird. Außerdem starten die Maßnahmen der Industriedenkmalstiftung. Es soll aber immer was passieren, das ist wichtig. Auch 2019 stehen Maßnahmen an. Dafür ist unser Konzept die Grundlage, um Förderungen zu beantragen. Im Idealfall kommen zu unseren sechs Millionen Euro dann noch acht Millionen der Denkmalstiftung. Aber das ist bisher nur die Planung, es gibt noch keine Förderzusage.

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