Freitag, 21. September 2018

In Dortmund findet man Graffitis nahezu an jeder Hauswand oder Bushaltestelle. Mittlerweile sind einige große Hauswände dazugekommen: verschönert durch Street-Art-Murals. Wir haben eine kleine Street-Art-Tour durchs Unionviertel gemacht und uns die Wände angeschaut.

Graffiti und Street-Art – wo liegt da eigentlich der Unterschied? Oder gibt es gar keinen? So ganz genau lässt sich das nicht sagen. Allerdings zeichnen sich Graffitis in erster Linie durch Schriftzüge oder Zeichen aus, während bei Street-Art oft der Bildteil und nicht das Schreiben des eigenen Namens im Vordergrund steht.

Graffiti ist illegal, aber trotzdem Kunst

Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch: Graffiti ist bewusst illegal und Street-Art steht für (teilweise) kommerzielle Kunst im öffentlichen Raum. Aber obwohl Graffitis oft als Vandalismus bezeichnet werden, können sie ebenso einen künstlerischen Wert haben.

In Dortmund gibt es Graffitis an jeder Straßenecke. Ob auf Häuserwänden, Garagen, Laternen oder Bushaltestellen. Die Schriftzüge findet man überall. „In den 1980er Jahren hatte das Graffiti in Dortmund seine Hochzeit. Aber auch heute ist die Szene hier sehr groß“, verrät uns Monia Labidi von der 44309 Street Art Gallery.

Monia Labidi von der 44309 Street Art Gallery hat sich mit uns auf eine Streetart-Tour durch das Dortmunder Unionviertel begeben. Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

Monia ist 28 Jahre alt und arbeitet in der Street Art Gallery an der Rheinischen Straße in Dortmund. Mit ihr zusammen machen wir uns auf den Weg, um vor allem die Street-Art-Szene in Dortmund ein bisschen zu erkunden.

Monia erklärt uns, dass man Graffiti und Street-Art getrennt voneinander betrachten sollte. „Allerdings stammen viele Street-Art-Künstler aus der Graffiti-Szene. Deshalb kann man auch keinen genauen Festpunkt ausmachen, seit wann genau es die Street-Art-Szene in Dortmund gibt“, so Monia.

Streetart von brasilianischen Künstlern

Wir machen uns mit Monia auf den Weg durchs Unionviertel. Hier sind in den vergangen Jahren viele Murals, so heißen die Street-Art-Bilder, die sich über ganze Häuserwände und Mauern erstrecken, entstanden.

Großes Mural von Rodrigo Branco in der Ritterstraße. Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

In der Ritterstraße schauen wir uns zwei Murals an, die 2013 entstanden sind. „Diese beiden gehören zu den ersten größeren Wandprojekten in Dortmund. Sie stammen von den brasilianischen Künstlern Rodrigo Branco und Luis Seven Martins (L7M)“, lässt uns Monia wissen. Beide haben in den letzten Jahren mehreren Hauswänden in Dortmund mit ihren Bildern einen neuen Anstrich verpasst.

Der brasilianische Künstler L7M hat im November 2013 dieses Bild gemalt. Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

Schrift, die an Eingeweide erinnert

Als wir auf dem Parkplatz hinter dem Dortmunder U ankommen zeigt uns Monia das große „Hype“-Mural von dem deutschen Street-Art-Künstler Mark Gmehling. Sie fragt, ob wir neben dem Schriftzug noch etwas anderes auf dem Bild erkennen. Nach langem Hinsehen entdecken wir es dann: hinter dem pinken Hype-Schriftzug sind zwei Hände und ein Kopf, der in eine Pfütze platscht. Der Schriftzug erinnert an Eingeweide und Hirnwindungen. „Das ist ein typisches Merkmal von Gmehling“, klärt uns die gebürtige Hannoveranerin auf.

Außerdem verrät uns Monia, dass eine mögliche Lesart dieses Murals eine Kritik am Dortmunder U sein kann. „Wenn eine Wand sich auf etwas bezieht, das in der direkten Umgebung liegt, nennt man das ’sights specific‘. Das kommt oft vor in der Street-Art-Szene. Gmehlings Mural könnte eine Kritik am gehypten Dortmunder U sein. Aber das ist nur eine Lesart von vielen“, betont die 23-Jährige.

Na, was versteckt sich hinter diesem „Hype“ von Mark Gmehling? Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

Direkt um die Ecke der 44309 Street Art Gallery schauen wir uns die Wand der Marlene Bar in der Humboldtstraße an. Diese Wand hat der brasilianische Künstler Claudio Ethos gestaltet. Wir erfahren, dass er immer mit sepia und schwarz-weiß arbeitet und dass er aus der Graffiti-Szene São Paulos stammt. „Diese Szene nennt man Pichação und die Graffitis bestehen meistens aus Tagging. Es entstehen Schriftzüge, die nur für diese Szene lesbar sind“, erklärt uns Monia, die in Bochum moderne und zeitgenössische Kunst studiert.

Die Wand an der Marlene Bar schmückt das Mural von Claudio Ethos aus Brasilien. Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

„Tagging“ bedeutet Buchstaben oder Wörter schnell mit dem Stift zu schreiben. Beim „Writing“ hingegen werden die Wörter ausgestaltet und haben mehr Fläche. Außerdem benutzen die Künstler hier meistens eine Sprühdose.

Urvater der Stencil-Kunst auf Dortmunds Wänden

Neben dem Mural von Claudio Ethos treffen wir auf ein schwarz-weiß Mural von dem Street-Art-Künstler „Blek le Rat“. Der Franzose gilt als Urvater der Stencil-Kunst (Schablone) und hat sie vor allem in Europa populär gemacht. „Die Ratte, die auf sehr vielen seiner Bilder erscheint, kann man als Symbol für die Großstadt verstehen“, informiert uns Monia über sein Werk. Ein weiteres Beispiel davon zeigt sie uns nur ein paar Meter weiter am Eingang der Street Art Gallery.

Die Ratte als Markenzeichen: Blek le Rat, April 2014. Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

Bei unserem kleinen Spaziergang darf das große Mural am Königswall/Ecke Brinkhoffstraße nicht fehlen. Das von der Stadt Dortmund finanzierte Mural erstreckt sich über eine große Häuserwand und springt jedem ins Auge. „Das Bild von der Künstlergruppe ‚The London Police‘ aus den Niederlanden sorgt für ein positives Lebensgefühl im Alltag“, so Monia.

Idee: Den öffentlichen Raum mitgestalten

Dieses positive Lebensgefühl an die Menschen zu vermitteln ist für viele Street-Art-Künstler die ursprüngliche Idee hinter ihrem Schaffen. „Die zentrale Frage bei Street-Art lautet: Wem gehört der öffentliche Raum? Er wird zwar als öffentlich beschrieben, aber gehört er wirklich der Öffentlichkeit? Die Antwort darauf lautet eigentlich Nein“, erzählt Monia. Denn die Menschen haben kaum Einfluss auf die Gestaltung des öffentlichen Raums. Graffiti ist illegal und „hässlich“, aber was ist zum Beispiel mit Werbung? „Die Leute werden doch auch nicht gefragt, ob sie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit an großen Werbeplakaten vorbeifahren möchten“, deutet Monia an.

Die Künstlergruppe „The London Police“ hat im Mai 2017 dieses große Mural auf die Wand am Königswall gebracht. Foto: Lisa Krispin/Dortmund24

Und weiter erklärt sie uns, dass es vielen Street-Art Künstlern darum geht, die Umwelt bewusst wahrzunehmen. Mit ihrer Kunst nutzen sie die Chance, den sogenannten öffentlichen Raum künstlerisch mitzugestalten und den Leuten neue, andere Bilder zu zeigen. Fernab von Werbung und Marketing.

Hier findet ihr eine detaillierte Übersicht mit Karte zu den Murals.

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