Der stechende Geruch von Urin und Fäkalien steigt den Fußgängern am Platz von Hiroshima in die Nase. Besonders schlimm ist es in der Nähe der Fahrradständer. Die Mauer der St-Johannes-Kirche bekommt hier nicht nur Urin ab. Waren bestimmt wieder Obdachlose? Gut möglich. Aber wo gehen die eigentlich auf Toilette?

Thomas Neumann sitzt am Eingang zur Tiefgarage auf dem Hansaplatz. Sauberes grünes Shirt, ordentliche Jeans, leicht glasiger Blick. Passanten werfen Münzen in seinen Pappbecher, er dankt höflich. „Das an der Kirche da drüben ist eine Sauerei“, findet er. Zwischen den Leuten, die Obdachlos seien, gebe es riesige Unterschiede.

„Ich gehe in Gaststätten. Wenn man gepflegte Kleidung trägt, ist das kein Problem“, sagt Neumann. Er ist einer von geschätzt 350 Menschen ohne festen Wohnsitz in Dortmund. Bisher sei er noch überall reingekommen. Aber das mit den Toiletten, das sei nicht so einfach. Klar, die City-Toilette in der Betenstraße, kaum 200 Meter weiter, die kenne er. „Die kostet aber 30 Cent“, davon kaufe er sich lieber was zu essen.

Kirche Urin
Die völlig verdreckte Kirchenmauer am Platz von Hiroshima vor wenigen Tagen. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Genau das ist die Krux an der Sache: Entweder haben die Toiletten in der Innenstadt beschränkte Öffnungszeiten („Nur an Markttagen“, „bis 22 Uhr“), oder die Nutzung kostet Geld. Für Obdachlose ist das wenig praktikabel.

Stadt sieht ihren Auftrag erfüllt

Stadtsprecher Maximilian Löchter sagt dazu: „Kein Mensch muss in Dortmund draußen schlafen.“ Es gebe genügend Einrichtungen, wo es Verpflegung und eine Toilette gebe. Die Stadt kümmere sich um die Obdachlosen, komme der Unterbringungspflicht etwa mit der Übernachtungsstelle für obdachlose Männer in der Unionstraße und der für Frauen in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße nach.

Neumann will da aber gar nicht hin. Er habe dort schlechte Erfahrungen gemacht. „Ich bin lieber für mich. Da habe ich meine Ruhe“, sagt er. Am Hansaplatz fehle eine Toilette, findet er. Wenn die nichts koste, sei sie aber auch innerhalb weniger Tage versaut, „von den Junkies“. Nicht so einfach. Wie alles andere auch. Nachts pinkle er da, wo er schläft. Die Polizei kontrolliere zwar ständig. Ihn hätten sie aber noch nicht erwischt. „Kostet 30 Euro.“ Dafür muss er lange mit seinem Becher am Parkhaus sitzen und Leute grüßen.

„Das ist definitiv ein Problem“

„Viele der Menschen, die ihren Alltag draußen verbringen, werden mit Bußgeldern belegt“, sagt Sebastian Sellhorst, Redakteur beim Dortmunder Straßenmagazin Bodo. Echte öffentliche Toiletten gebe es in der Innenstadt nicht mehr. „Das ist definitiv ein Problem.“

Toiletten Dortmund
Die Toiletten unter dem Hansaplatz sind nur an Markttagen wirklich öffentlich – zum Leidwesen der Obdachlosen. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Dass einige Obdachlose die Unterkünfte der Stadt nicht nutzen möchten, weiß auch seine Kollegin Alexandra Gehrhardt. Zudem würden diese mit ihren Kapazitäten an ihre Grenzen stoßen. Die bürokratischen Hürden würden es vielen Betroffenen zudem schwer machen, die zweite Nacht in der Unterkunft zu beantragen. Die erste ist kostenlos. Danach müssen Sozialamt oder Jobcenter für den sogenannten Übernachtungsschein einspringen. „Wer aus Gelsenkirchen oder Hamburg kommt, muss sich in Dortmund zuerst melden“, sagt sie. Doch Termine beim Amt einzuhalten sei für manche Obdachlose keine leichte Aufgabe.

Plastikflaschen mit gelbem Inhalt

Im Sekretariat der Kirche hört man zum ersten Mal von der Pinkelecke. Laut eines Sprechers der Firma Wall mit Sitz in Berlin koste die Nutzung jeder der 15 City-Toiletten 30 Cent. Kostenlos sind sie nur mit einem Euro-Schlüssel. Mit ihm lassen sich europaweit alle Toiletten öffnen. Diesen Schlüssel können aber nur Menschen mit besonderen Erkrankungen oder Behinderungen beantragen. Dass Toiletten zweckentfremdet werden sei in Dortmund bislang kein Problem, sagt der Sprecher. Und die Gebühr von 30 Cent decke auch nicht die Kosten, sondern verhindere bloß Vandalismus.

Kirche Dortmund Urin
Mittlerweile wurde die Mauer an der Kirche gereinigt. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Auch in den Cafés in der Nähe des Platzes ist die fehlende Toilette kein Geheimnis. Obdachlose lasse man zwar herein, meist aber nur ungern. Dass morgens Plastikflaschen mit gelbem Inhalt vor der Tür liegen, sei aber fast schon die Regel. Jeder hat seine eigene Strategie. Würdevoll aufs Klo gehen sieht aber sicher anders aus.

Neubau der Unterkunft für obdachlose Männer geplant

Die Übernachtungsstelle für Männer in der Unionstraße bietet insgesamt 55 Plätze für Obdachlose, die für Frauen in der östlichen Innenstadt hat Platz für 16 Personen. Im Rat der Stadt wird derzeit über eine Anpassung der Unterbringungskapazitäten beraten. Dazu soll das bestehende Gebäude abgerissen werden. Vorübergehend könnten die Obdachlosen in den Modulbauten, die für die Flüchtlinge angeschafft wurden, untergebracht werden.

Anzeige