Es treibt sie auf die Barrikaden – im Süden Dortmunds bangen Anwohner um die Zukunft ihrer Heimat. Denn: Direkt vor ihrer Haustür sollen gigantische Windräder gebaut werden. Mitten in einer Landschaft, in der Fledermäuse, Uhus und Milane ihr Zuhause haben.

Dortmund – Es ist ein bisschen wie David gegen Goliath. Auf der einen Seite stehen eine Handvoll Anwohner der Stadtbezirke „Auf dem Schnee“ und „Löttringhausen“. Auf der anderen Seit die Stadt Dortmund und Firmen wie Ostwind. Und die haben nach Aussage der Anwohner großes Interesse daran, im Dortmunder Süden Windkraftanlagen zu errichten. Große Windkraftanlagen. Rund 215 Meter hoch sollen sie werden, so die Protestbewegung „Rettet den Schnee“. Zum Vergleich: Der Fernsehturm im Westfalenpark erreicht an der Spitze des Rohrmastes gute 211 Meter.

Bis jetzt konnte die Stadt Dortmund alle Vorwürfe der Anwohner, dass Schutzmaßnahmen für Mensch und Umwelt mangelhaft wären, entkräften. Doch noch ist die heiße Phase, die Umsetzung der Planungen, auch nicht erreicht.

Windgeschwindigkeiten erst in der Höhe ausreichend

Mit besorgtem Blick steht Lena Hültenschmidt vor ihrem Elternhaus am Schnee. Von hier aus blickt die 30-Jährige genau auf das Feld, an dem einer der geplanten Standorte für ein Windrad „der neuen Generation“ liegt. Die neue Generation, das sind eben jene Windräder, die mit über 200 Metern deutlich höher sind, als die, die man bisher im Ruhrgebiet in aller Regel zu Gesicht bekommt. „Es ist nicht so, dass ich generell gegen Windkraft bin“, betont die studierte BWLerin. Mit einem kleineren Windrad vor ihrer Haustür könnte sie durchaus ihren Frieden schließen. Nur: Das würde sich an dieser Stelle wirtschaftlich gar nicht lohnen. „Erst in Höhen ab 150 Meter werden hier Windstärken erreicht, bei der es sich lohnt, ein Windrad zu betreiben.“ Denn: auch wenn der Schnee ein Höhenzug ist, mit zunehmender Nähe zum Boden nimmt die Windgeschwindigkeit stark ab.

#RettetdenSchnee

Hier können demnächst Ihre 215-Meter Windräder stehen…

Aufnahmen Großholthauser Mark, 12.11.2016
(Mäusebussard, Krähen, Wildtauben, Buchfink…)

Posted by Rettet den Schnee on Mittwoch, 16. November 2016

Bei Windrädern mit so extremer Größe seien aber auch die negativen Auswirkungen entsprechend extrem. Eisbrocken, die sich an den Rotorblättern bilden können, würden, so die besorgten Anwohner, bei einer durchschnittlichen Rotationsgeschwindigkeit von 300 km/h bis zu 1000 Meter weit geschleudert. Die Windräder sollen allerdings in rund 450 Meter Entfernung zu den nächsten Häusern gebaut werden. „Ich sehe uns schon die toten Vögel von den Terrassenfenstern kratzen“, meint Lena Hültenschmidt zynisch. Natürlich meint sie das nicht ganz ernst. Doch der Hintergrund dazu ist: „Rot-Milan, Uhus und Fledermäuse leben hier, Zugvögel ziehen regelmäßig ihre Kreise über dem Feld.“ Vogelschlag kann ein Problem rund um Windräder sein. Die Anwohner fürchten um die seltenen Tiere.

Und das geplante Naturschutzgebiet?

Viele Fragen stehen für die Anwohner unbeantwortet im Raum: Was ist zum Beispiel aus dem Naturschutzgebiet geworden, dass einst in der Großholthausener Mark geplant war? Oder: Wieso wurde der Bereich in einer Studie aus dem Jahr 2013 noch als ungeeignet eingestuft, in einer überarbeiteten Fassung aber plötzlich als geeignet? Doch darauf weiß die Stadt Antworten: Das Naturschutzgebiet wird es höchstwahrscheinlich auch bald geben. Allerdings in den Waldbereichen des Gebietes, nicht auf den Ackerflächen, die für den Bau der Windenergieanlagen geprüft werden. Und dass sich die Eignung der Bereiche verändert habe, läge schlicht daran, dass bei einer ersten Fassung der Studie zwei bestehende Mobilfunkmasten nicht als Vorbelastung berücksichtigt wurden. Die bedachte man erst in der späteren Fassung. Es scheint also, als hätte alles seine Richtigkeit.

Lena Hüttenschmidt, Ariane Massier und FrankBergmann zeigen auf den geplanten Standort eines Windrades. Foto: Malin Schneider-Pluppins
Lena Hültenschmidt, Ariane Massier und Frank Bergmann zeigen auf den geplanten Standort eines Windrades. Foto: Malin Schneider-Pluppins

Angst um Gesundheit und Existenzen

Ariane Massier sorgt sich dagegen vor allem um die Gesundheit der Anwohner. „Infraschall, der von den Windrädern ausgeht, ist nicht hörbar, belastet unsere Psyche aber dennoch deutlich.“ Die Heilpraktikerin weiß, dass diese permanente Vibration von Mensch und Tier mit Erdbeben oder Unwettern assoziiert werden und so Schlaf- oder Angststörungen hervorrufen könnten. „Es ist eine dauerhafte Stresssituation.“
Zu dem Stress durch den Infraschall würde für manche auch noch ein ganz anderer Angstfaktor hinzu kommen: Die Immobilien, so die Initiative, werden deutlich an Wert verlieren. „Nicht nur die Gesundheit, auch ganze Existenzen stehen auf dem Spiel.“

Lena Hültenschmidt hat aber auch noch vor etwas ganz anderem Angst. Über viele Ecken und Umwege fielen ihr Pläne von der Firma Ostwind in die Hände. Aus den Lageplänen geht hervor, dass die Firma, die auf den Bau von Windparks in Wäldern spezialisiert ist, bereits zwei Windräder geplant hat – eines auf der Seite am Schnee, eines auf Löttringhausener Seite. Ihre Befürchtung: „Was, wenn es nicht bei den zweien bleibt? Wenn es plötzlich vier werden, oder mehr?“ Spätestens dann sieht die Dortmunderin ihre Heimat in großer Gefahr. „Ich hab hier schon als Kind in den Wäldern gespielt und die Rehe im Garten beobachtet. Ich habe einfach Angst, dass dieses wertvolle Stück Natur kaputt geht.“ Die Ruhe und Weite des Landschaftsschutzgebietes ist es, die sie – und auch die anderen Anwohner – mit ihrem Zuhause verbindet. Und die möchten sie dringend erhalten.

Petition kommt ins Rollen

Deshalb haben die Anwohner jetzt eine Unterschriftenaktion gestartet. Und, sie wollen Einspruch gegen die geplante Änderung des Flächennutzungsplans einlegen, bevor es zu spät ist. „Weil die Baufirmen ja scheinbar schon in den Startlöchern stehen, befürchten wir, dass der Baubeginn erfolgt, sobald die Stadt grünes Licht gibt“, so Frank Bergmann, der auch auf dem Schnee wohnt und selbst als Ingenieur im Anlagenbau arbeitet. Ein bisschen fühlen sich die Anwohner von der Stadt übergangen, denn von den Plänen der Baufirmen erfuhren sie durch Zufall. Die Stadt sieht das jedoch ganz anders: „Es liegen derzeit keine Anträge für Windenergieanlagen für die betreffende Fläche vor“, so Heike Thelen von der Stadt Dortmund.

Bei einer Infoverantaltung kamen mehr als 90 Interessierte und Betroffene auf das Feld an der Großholthausener Mark. Foto: Lena Hültenschmidt
Bei einer Infoverantaltung kamen mehr als 90 Interessierte und Betroffene auf das Feld an der Großholthausener Mark. Foto: Lena Hültenschmidt

Für die Stadt ist Aufregung verfrüht

Außerdem, so die Stadtsprecherin weiter, wären bis jetzt lediglich Gutachten in Auftrag gegeben worden, die klären sollen, ob im Bereich der „Großholthausener Mark“ (also am Schnee und in Löttringhausen) überhaupt neue Konzentrationsflächen für Windenergieanlagen ausgewiesen werden können. Nach der Ausweisung von Konzentrationsflächen, ist die Errichtung von Windenergieanlagen nur in diesen Bereichen zulässig. Im restlichen Gebiet ist der Bau von Windrädern dann unzulässig. „Diese gutachterliche Bewertung ist kein Planungsverfahren!“ Erst nach der Untersuchung entscheide der Rat der Stadt, ob ein Verfahren zur Änderung des Flächennutzungsplans eingeleitet wird. „Das geschieht voraussichtlich im ersten Quartal 2017“, so Heike Thelen. Das ist dann auch der Zeitpunkt, an dem Bürger angehört würden. Und erst im Anschluss daran würde überhaupt eine konkrete Planung zur Errichtung von Windenergieanlagen erfolgen. „Aspekte wie Bergbauschäden und der Flugsicherung werden dann im Einzelfall geprüft“, begegnet die Stadt der nächsten Sorge der Anwohner, dass Einschränkungen im Flugverkehr und die Gefährdung durch alte Stollen im ehemaligen Bergbaugebiet kaum Beachtung fänden.

Überhaupt verstehen die Planer der Stadt die Aufregung um die Konzentrationsflächen nur bedingt. „Durch die Darstellung von Konzentrationsflächen ist es nur in diesen Flächen möglich, Windenergienalgen zu errichten“, so Thelen. Ansonsten wäre es grundsätzlich möglich, Windräder als „privilegierte Anlagen“ im gesamten Außenbereich zu errichten. „Planerische Steuerung“ nennt die Stadt das. Mittel zum Zweck also, um die Windkraft zu stärken, gleichzeitig aber nicht an jedem freien Standort Dortmunds den Bau eines Windrads prüfen zu müssen. Den Anwohnern Auf dem Schnee und in Löttringhausen nutzt das nur leider wenig, wenn ihr Haus demnächst im Schatten eines gigantischen Windrades steht.