Samstag, 21. Oktober 2017

Israel ist nicht gerade der Nabel der Welt für gute Popmusik. Umso überraschender kommen nun die neuen Songs von Oren Lavie aus Tel Aviv daher. Sein Album «Bedroom Crimes» klingt wie der Soundtrack zu einem französischen Film der 60er Jahre – und das ist kein Zufall.

Berlin (dpa) – Oren Lavie ist nicht nur Musiker, sondern auch Regisseur, und das kann man hören. «Ich sehe das Album als Film mit elf Szenen in elf verschiedenen Schlafzimmern», sagt der 40-jährige Singer-Songwriter über «Bedroom Crimes», seine zweite Platte. 

«Die Kamera gleitet von einem Zimmer zum anderen, verharrt jeweils für einige Minuten, nimmt dort die Atmosphäre und die Gespräche der Menschen auf. Und zieht dann weiter.»

Das dabei entstehende Kopf-Kino erinnert an große Filmemacher der französischen Nouvelle Vague, an François Truffaut, Éric Rohmer oder Jean-Luc Godard. «Bedroom Crimes» ist ein äußerst elegantes, stilsicher inszeniertes Album, zudem in zwei Akte gegliedert – denn Lavie kommt vom Theater, für das er schon mit Anfang 20 mehrere Stücke schrieb. Auch seine Videoclips macht er selbst – etwa den charmanten Stop-Motion-Kurzfilm zum Song «Her Morning Elegance», der seit 2009 mehr als 32 Millionen Aufrufe bei Youtube verzeichnet und für einen Grammy nominiert war.

Zehn Jahre ist es her, dass der Israeli mit seinem in Berlin aufgenommenen Debüt «The Opposite Side Of The Sea» erstmals als Musiker von sich reden machte. Das an britischen Songwritern wie Nick Drake oder Van Morrison, auch an den Beatles orientierte Album erntete viele gute Kritiken. Doch dann kam lange nichts. 

Bis Oren Lavie kürzlich allen Mut zusammennahm und für eines seiner in der Zwischenzeit entstandenen Lieder eine französische Pop-Ikone anschrieb: Vanessa Paradis, einst Sängerin mit Lolita-Stimmchen («Joe le Taxi»), danach Model, Schauspielerin und langjährige Lebenspartnerin von Johnny Depp. «Sie kannte mich nicht, ich sie dafür umso besser», erzählt er. «Vanessa verkörpert für mich die französische Kultur, den französischen Stil, die französische Frau, Chanel… Sie hat sofort zugesagt.»

Das wunderschöne Lavie/Paradis-Duett «Did You Really Say No?» eröffnet nun einen Reigen mit elf Liedern rund um Liebe und Sich-Entlieben. Stärker als beim Debüt tritt der Einfluss von Jacques Brel und Leonard Cohen hervor – in der Melancholie dieser von Klavier und Streichern getragenen Pop-Chansons, aber auch in Lavies reifem Bariton. Der Israeli bezeichnet sich zwar als «recht limitierten Sänger, mehr eine Art Erzähler», aber damit unterschlägt er bescheiden die wohltuend wärmende Wirkung seiner Stimme.

Das in Lavies Tel Aviver Heimstudio mit israelischen Musikern eingespielte «Bedroom Crimes» ist eine Songwriter-Platte aus einem Guss – und eine echte Werbung für das klassische Albumformat mit rund 40 Minuten Laufzeit ohne Lückenfüller. Kein Ton ist falsch gesetzt, auch üppiger arrangierte Balladen wie «Breathing Fine», «You’ve Changed» oder «Note To Self» sind frei von orchestralem Kitsch. Nur ganz selten zieht das Tempo an – etwas anderes würde auch gar nicht zur Grundstimmung der meist traurigen Lieder passen.

Bleibt nur zu hoffen, dass sich Oren Lavie bis zum dritten Album nicht wieder zehn Jahre Zeit lässt. Ablenkung hätte er freilich genug – zuletzt tat sich das Multitalent auch noch als Kinderbuchautor hervor, mit dem vielgepriesenen «Der Bär, der nicht da war». 

Künstler-Webseite Oren Lavie

Interview Oren Lavie auf der Webseite “Les Inrocks”

Interview Oren Lavie auf der Webseite “Cultures-J”

Oren Lavie auf Facebook

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