Dienstag, 22. Mai 2018

So wichtig Zivilcourage auch ist: Niemand muss sich selbst in Gefahr bringen, um anderen zu helfen. Ist die Gefahr vorüber, sieht das jedoch anders aus. Wer jetzt noch wegschaut, handelt gleichgültig und ignorant.

Der blutige Angriff am Bahnhof Mengede vor einem Jahr ist vielen sicher noch im Gedächtnis. Damals gingen zwei Gruppen junger Männer mit Messern und Golfschlägern aufeinander los. Bekannt wurde der Fall durch die damals 17-jährige Schülerin Saskia, die selbstlos dazwischen ging. Später wurde ihr dafür ein Preis verliehen. Dass wir mehr Zivilcourage brauchen, haben wir bereits hier aufgeschrieben.


In dieser Woche haben wir über Daniel B. berichtet. Er ist am vergangenen Wochenende Opfer eines Überfalls geworden und hat schwere Verletzungen davongetragen. Eine so mutige Helferin wie Saskia hätte er sich sicher gewünscht. Doch statt Hilfe bekam Daniel: nichts. Die Umstehenden schafften es nicht mal, die Polizei zu alarmieren. Dabei wären diese wenigen Minuten so wichtig gewesen. Die City-Wache ist nur einen Steinwurf entfernt, die Polizei wäre wohl in wenigen Minuten da gewesen. Stattdessen: Gleichgültigkeit. Das macht mich wütend. Und es enttäuscht mich.

Niemand sollte sich in Gefahr bringen

Es wirft aber auch die Frage auf, ob es nötig ist, sich ins Getümmel zu begeben. So wie Saskia, die damals einem prügelnden jungen Mann an der Kapuze zog und laut um Hilfe schrie. So hoch ihr Einsatz auch zu schätzen ist: ich glaube, das war zu mutig. Es hätte schief gehen können. Niemand sollte sich selbst in Gefahr bringen. Oder, wie es die Sprecherin der Polizei formulierte: „Wir wollen niemanden zu Handlungen anleiten, die für ihn schwierig werden“.

Florian Forth ist der Meinung, dass das Spiel nur einen Tag nach der Explosion am BVB-Mannschaftsbus niemals hätte stattfinden dürfen. Foto: Murat Akin/Dortmund24
Florian Forth Foto: Murat Akin/Dortmund24

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass niemand den Helden spielen und sich nahezu todesmutig einer prügelnden Gruppe in den Weg stellen sollte, dürfte selbstverständlich sein. Dennoch: Nach dem Vorfall bringt sich niemand mehr in Gefahr, wenn er einem Verletzten hilft. Die Polizei ruft. Oder einfach nur hinschaut, um später die Täter beschreiben zu können. Ich finde, man sollte lieber einmal zu viel hinschauen, einmal zu viel nachfragen, als einfach weiterzugehen.

Zuschauer statt Helfer

Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der jeder nur mit sich beschäftigt ist. In der man Kopfhörer aufsetzt und mit Blick aufs Handy durch die Straßen wandelt.

Doch es gibt scheinbar nicht nur diese digitalen Scheuklappen. Es herrscht offene Ignoranz. Etwa im Falle des Taxifahrers, der Daniel später heimfährt. Er habe den Angriff beobachtet, gab er zu. Na klasse. Wieso hat er nicht die Polizei alarmiert? Mein Gewissen würde mir was husten.

In manchen Taxen sind für solche Fälle mittlerweile Not-Knöpfe installiert, hat mir ein anderer Taxifahrer erzählt. Zieht man daran, meldet der Wagen sofort einen Notfall an die Zentrale. Die kann dann die Polizei alarmieren und per GPS direkt an den Tatort lotsen. Perfekt! Diese Ausstattung kostet allerdings Geld und ist vermutlich genau deshalb noch nicht in jedem Taxi eingebaut. Besser, sie wäre Pflicht.

Doch auch ohne diesen roten Knopf lässt unser technischer Fortschritt es zu, Hilfe zu holen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Ein kurzer Anruf und die Sache ist erledigt. Ist das denn wirklich zu viel verlangt?

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