Sonntag, 20. August 2017

Dieser Artikel entspricht der Meinung des Autoren und muss nicht unbedingt der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen.

Über die Deutsche Bahn zu meckern ist einfach – aber vor ein paar Tagen wäre ich auch fast an die Decke gegangen. Protokoll eines deutschen Bürokratiewahnsinns auf Schienen.

Neulich im Regionalexpress 1 von Bochum nach Dortmund: Ein Mann – um die 30 Jahre – verliert völlig die Fassung, läuft brüllend durch das Abteil. „Öffnet die Türen!“, schreit er. Die Türen öffnen nicht. Der Mann bleibt im Zug, muss weiter nach Dortmund fahren. Danach brechen alle Dämme. Mit hochroter Birne brüllt er den Schaffner an, tritt gegen einen Mülleimer. Die Stimmung droht zu kippen. „Was ist hier nur in diesem Land los!“, brüllt er durchs Abteil. Er müsse arbeiten, aber ständig sei irgendwas anderes bei der Bahn: Verspätungen, Weichenstörungen, Zugausfälle. Da habe ich mich gefragt: Was muss passieren, dass ein erwachsener Mensch so sehr die Fassung verliert und zum rasenden Roland wird? Seit ein paar Tagen weiß ich es – aus eigener Erfahrung.

Wenn alles gut läuft, ist die Bahn ein wunderbares Verkehrsmittel – aber wehe, es geht was schief. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Feierabend, ich steige in Dortmund in den RE1. Ein Kontrolleur fragt nach dem Ticket. Ich wühle in meiner Tasche, werde immer hektischer. Scheiße, denke ich mir, ich habe das Portemonnaie zuhause vergessen. Ich beichte es verschämt dem Kontrolleur und frage, ob ich mein Firmenticket in den nächsten Tagen nachzeigen könne. „Ne, geht nicht mehr“, sagt er und verschwindet. Dann stellt sich heraus: Das war nur ein Interviewer der Deutschen Bahn, der Kundenbefragungen durchführt. Glück gehabt, denke ich mir. Aber dann kommt er tatsächlich. Der richtige Kontrolleur.

7 Euro innerhalb von 14 Tagen

Freundlich fragt er mich nach dem Ticket, ich beichte mein Malheur das zweite Mal. Er zeigt Verständnis, meint, dass jeder Mal was vergessen könne. Von einer Visitenkarte, die ich zufällig in der Tasche habe, schreibt der Vollstrecker sich meinen Namen (falsch) auf, stellt mir eine Quittung aus. „Fahrpreisnacherhebung“ steht oben drüber. Damit solle ich innerhalb von 14 Tagen zu einem DB-Schalter gehen und mein Ticket nachzeigen. Ich erfahre, dass das sieben Euro kostet. Warum das so ist, wird mir am Ende niemand von der Deutschen Bahn so richtig sagen können. Denn ich zahle monatlich über 60 Euro für mein Monatsticket – und zwar schon seit vier Jahren. Ich hatte nur das blöde Plastikkärtchen nicht dabei. Es lag Zuhause. Gibt es keine Datenbank für Kontrolleure, auf denen sie sehen können, wer ein Ticket hat? Stimmt, in Zügen der DB gibt es ja kein Internet. „Das ist sowas wie eine erzieherische Maßnahme und gehört zu unseren Beförderungsbedingungen“ erzählt mir ein Sprecher der Bahn. Ich werde also von der Deutschen Bahn dazu erzogen, nicht mehr vergesslich zu sein.

"Fahrpreisnacherhebung": Auf dem Zettel der Deutschen Bahn wird darauf hingewiesen, dass man ihn 6 Monate aufbewahren solle - falls es technische Störungen geben. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24
„Fahrpreisnacherhebung“: Auf der Quittung der Deutschen Bahn wird darauf hingewiesen, dass man sie sechs Monate aufbewahren solle – falls es technische Störungen gebe. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Also gut, denke ich mir, Schaffner und Pressesprecher können für die Gebührenpolitik der Bahn auch nichts. Am nächsten Morgen gehe ich 20 Minuten früher zur Arbeit, möchte das Ticket am DB-Schalter im Bochumer Hauptbahnhof nachzeigen und meine Schulden in Höhe von 7 Euro begleichen – und damit das beschämende Kapitel beenden. Doch daraus wird nichts. „Mit dem Ticket kann ich nichts anfangen“, sagt mir die Dame am Schalter, „ich brauche auch noch eine Bestätigung Ihres Verkehrsbetriebs, dass das Ticket gültig ist.“ Da frage ich mich, wie ein Kontrolleur in den Zügen in NRW mein Ticket auf seine Gültigkeit checken kann, ein Mitarbeiter an einem DB-Schalter aber nicht. „Aber Sie haben ja noch 13 Tage Zeit“, beruhigt mich die Dame. Ja klar, denke ich, aber darum geht es ja auch nicht. Sie erklärt: „Das Ticket könnte ja auch abgelaufen sein.“

Ich ringe um Fassung, sage mir immer wieder, dass die Mitarbeiter der Bahn nur das letzte Glied der Kette sind. Arme Schweine sozusagen, die an der Front gegen den Wutbürger kämpfen. Die Regeln werden woanders gemacht.

Bestätigung von der DSW21

Ich brauche also eine schriftliche Bestätigung meines Verkehrsbetriebs, sprich: die Dortmunder Stadtwerke (DSW21). Sie sollen mir attestieren, dass mein Ticket, was ich jeden Tag in der Bahn vorzeige, auch tatsächlich gültig ist. Nach dem Motto: Du brauchst die beglaubigte Kopie der Abschrift des dreimal ausgedruckten Originals.

Immerhin: Das DSW21-Kundencenter liegt auf meinem Weg zur Arbeit. Ich springe rein und schildere mein Anliegen. Der Sachbearbeiter hat das Problem offenbar nicht erkannt, denkt, der Chip in meinem Ticket sei defekt – und schickt mich zu einer weiteren Kollegin im oberen Stock. Da endlich bekomme ich ein Schreiben. Eine Unterschrift ist standardmäßig schon daraufgedruckt, „Bescheinigung über einen gültigen Fahrschein“ steht oben drüber. Diesen bescheuerten Papierwisch will die Bahn jetzt von mir sehen?

Gut, damit gehe ich nach Feierabend dann zum DB-Schalter, löhne sieben Euro „Fahrpreisnacherhebung“. Damit hat sich die Sache aber noch nicht erledigt. Der Mitarbeiter weist mich darauf hin, den Beleg über die Zahlung sechs Monate lang aufzubewahren. Möglichst nicht in der Sonne, damit die Schrift auch in einem halben Jahr noch zu erkennen sei. Ich frage ihn, warum das Ganze? Antwort: „Falls es technische Störungen gibt, haben Sie ein Beweis, dass sie gezahlt haben.“ Den Beleg habe ich jetzt in Alufolie in einen Safe getan. Thank you for nothing, Deutsche Bahn!

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