Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ganz im Westen von Dortmund und schon ganz schön nah dran an Bochum liegt Lütgendortmund. Hier geht man “ins Dorf” und genau da haben wir uns umgesehen und sind auf Knobelbrüder und Kaffeeklatschschwestern und ein Stück vom Jakobsweg gestoßen. 

Mittwochmittag (11. Oktober) gegen zwölf Uhr herrscht reges Treiben auf dem Heinrich-Sondermann-Platz in Lütgendortmund. Auf dem Dorfplatz ist Markt. Hier steht der Eiermann neben einem Stand mit Klamotten, der Gemüsehändler neben einem Taschenverkäufer. “Zehn dicke Weiße, bitte”, sagt eine ältere Dame mit Hut zum Eiermann. “Natürlich, wie jeden Mittwoch”, antwortet der Eiermann. Man kennt sich hier im Dorf.

Ganz zu Beginn sollten wir vielleicht erst einmal klären wie der Lütgendortmunder seinen Stadtteil denn eigentlich selbst nennt. Lütgendortmund, Lüdo, Lütgenbömmel und Kleindortmund stehen zur Auswahl. Und siehe da, eine nicht repräsentative Umfrage mit 15 Befragten auf dem Marktplatz zeigt: Niemand spricht hier in Lütgendortmund (gesprochen “Lütchendortmund”) mehr von Klein-Dortmund. Lüdo heißt es, wenn es schnell gehen muss, und sonst ist es Lütgenbömmel (gesprochen auch “Lütchenbömmel”) – oder eben ganz einfach Lütgendortmund. Hierbei muss allerdings gesagt werden, dass auch der Name Lütgendortmund “Klein-Dortmund” bedeutet.

1928 wurde Lütgendortmund eingemeindet und liegt fast in der Mitte zwischen den Städten Dortmund und Bochum. Rund 8,5 Kilometer Luftlinie liegen von Lütgendortmund sowohl bis Dortmunds als auch bis Bochums Innenstadt. Die Entfernung nach Witten und Castrop-Rauxel beträgt nur rund sechs Kilometer.

In Lütgendortmund “sind’se alle sehr nett”

Zurück auf den Markt: Der Wochenmarkt findet in Lüdo mittwochs und samstags statt. “Hier kommt alles hin”, sagt ein Obst- und Gemüsehändler. Seit sieben Jahren steht er hier auf dem Dorfplatz in Lütgendortmund. “Verschiedene Leute kaufen hier ein, alle sind’se sehr nett”, sagt er. In Castrop, da stehe er auch, sei das nicht so. “Da sind’se ein bisschen hochnäsig”, erzählt er und hält die Nase in die Höhe.

Unterwegs in Lütgendortmund Foto: Nadja Lucas/Dortmund24
Der Markt auf dem Heinrich-Sondermann-Platz hat Tradition. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

Lüdo: ein gemütlicher Stadtteil

Schaut man vom Marktplatz die Limbecker Straße rauf, sieht man unter anderem ein Reisecenter, ein Haarstudio, einen Optiker, eine Spielhalle und die St. Lüdo-Alm grenzt an die Lüdo-Bar. In der Lüdo-Alm sitzen die Freunde Jörg, Jürgen, Manfred, Bernd und Tommy an der Bar, trinken Bier und knobeln. Um neun Uhr macht die Kneipe auf, um 12.30 Uhr sind schon einige Biere über den Tresen gegangen, gibt die Bardame zu.

“Es ist ein gemütlicher Stadtteil”, sagt Jörg. Aber alles habe sich in den letzten Jahren verändert: Es gibt viele Neubauten, Einzelhändler, die dicht machen mussten. Der Markt habe Tradition und der Rewe ziehe um. In einen Neubau am Busbahnhof. Seit 30 Jahren lebt Jörg in Lüdo. “Heute ist es nicht mehr schön hier.” Was den Knobelfreunden auffällt: Lütgendortmund ist der einzige Dortmunder Stadtteil der “Dortmund” im Namen hat. Stimmt!

“Tommy, is’ aus Bövinghausen. Der braucht eigentlich ein Visum, um hier in Lüdo reinzukommen”, scherzt Jürgen. Was hier deutlich wird: Lüdo ist eine eingeschworene Gemeinschaft, ein Dorf, das Besucher und Neu-Lütgendortmunder aber offen aufnimmt.

Unterwegs in Lütgendortmund Foto: Nadja Lucas/Dortmund24
Die Lüdo-Alm in Lütgendortmund Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

Zuhause in Lütgendortmund

Weiter die Limbecker Straße hinauf und an der Evangelischen Bartholomäus Kirche vorbei, befindet sich die Kneipe “Zur Alten Post”. Was an den Lütgendortmunder so besonders ist, frage ich am Tresen. “Die Gesprächigkeit der Lütgendortmunder”, sagt mir ein Mann aus Somborn. Am Tisch hinten links sitzen zwei ältere Frauen. Seit 1966 wohnt die eine in Lütgendortmund, die andere “deutlich länger”. “Wir wollten nie hier weg und wollen hier auch nie mehr weg”, geben die beiden zu. Warum nicht? Die Kurzhaarige denkt über die Frage nach und rührt lange in ihrem Kaffee. “Weil man hier Zuhause ist.”

Die beiden Frauen, die nicht aus Lüdo “auswandern” wollen, gehören zu einer Kaffeeklatschrunde mit bis zu zehn Frauen, die sich regelmäßig trifft. Dann reden sie über Gott und die Welt. “Halt über alles, was gerade anliegt.” Wenn sie mal spazieren gehen, gehen sie zum Haus Dellwig oder in den Volksgarten. Das Haus Dellwig ist ein Wasserschloss und wurde, wie der Name schon verrät, von der Familie Dellwig gebaut. Bis 1727 hate diese hier ihren Stammsitz. Seit 1997 steht es als Baudenkmal unter Denkmalschutz. Der Volksgarten Lütgendortmund hat den Charakter eines Waldparks und ist circa 10 Hektar groß.

“Aber auch die beiden Kirchen sind sehenswert”, meinen sie. Gemeint ist die Evangelische Bartholomäus Kirche und die Katholische St. Magdalena. Vor der St. Magdalena klebt ein blau-gelber Aufkleber an einer Laterne. Eine gelbe Muschel auf blauem Hintergrund. “Pilgerweg” steht darauf. Wir lernen: Um auf dem Jakobsweg zu pilgern, muss man noch nicht einmal unbedingt nach Spanien reisen, wenn das Ziel nicht Santiago de Compostela heißen muss.

Unterwegs in Lütgendortmund Foto: Nadja Lucas/Dortmund24
Pilgern geht auch in Lütgendortmund. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

“Ich gehe ins Dorf”

Einen Tisch weiter in der Alten Post sitzt eine weitere Kaffeeklatschrunde mit vier Frauen. Jutta, Jenny, Susanne und Marion reden hier über dies und das. Sie schätzen, dass in Lüdo alles zentral ist und dass sie hier eine gute Infrastruktur haben. “Wenn ich hier etwas erledige, sage ich immer ‘ich gehe ins Dorf.'”, erzählt Jutta. Wenn sie zum Markt geht, sagt sie “Ich gehe ins Dorf”. Wenn sie zum Rewe geht, sagt sie “Ich gehe ins Dorf”. Jutta geht immer “ins Dorf”, wenn sie in Lüdo unterwegs ist.

“Das Reisebüro Köhler ist mega”, sagt Jenny und ist überzeugt, dass man in Sachen Reisen in Dortmund hier auf der Limbecker Straße am besten beraten wird. “Sonst gibt es hier ja quasi nur noch Spielhallen und Friseurläden”, beschwert sich Susanne. “Die Einkaufsmöglichkeiten fehlen.” Und Jutta meint: “Früher war alles schöner.”

Von Lütgendortmund aus sind die Frauen schneller im Ruhr Park in Bochum. “Da gibt es auch kostenlose Parkplätze. Wir fahren eher in den Ruhr Park als in die Dortmunder Innenstadt”, erzählt Jenny. “In die Innenstadt fahre ich nur, wenn ich wirklich muss”, meint Susanne. “Abends würde ich auch nicht alleine durch Lütgendortmund laufen”, sagt Jenny. Sie bemängelt außerdem, dass es in Lüdo nicht viel für Kinder geben würde.

Was man im Dorf des öfteren hört: Die Drogenszene im Ortskern am Marktplatz sei abends groß und auch die S-Bahn würden viele abends meiden. “Da muss man sowieso auch aufpassen, dass man sich da nicht den Siff holt”, sagt Jutta.

Unterwegs in Lütgendortmund Foto: Nadja Lucas/Dortmund24
V.l.: Marion, Susanne, Jutta und Jenny. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

“Grandiose Kameradschaft” in Lütgendortmund

Wieder am Marktplatz und am Hotel Specht angekommen, verraten mir die beiden rüstigen Rentnerinnen Edith und Helga, was den Charme von “Lütchendortmund” ausmacht. “Die Kameradschaft ist hier einfach grandios” und “Die Kommunikation ist einfach toll”.

Außerdem kenne jeder jeden. Sei es nun vom Singen oder vom Turnen. So kommen vor allem auch auf dem Markt “tolle Unterhaltungen” zustande. Hier trifft man sich. Außerdem gebe es tolle Veranstaltungen in Lüdo. Zum Beispiel im Musiktheater Piano. Helga und Edith freuen sich außerdem über die Turn- und Gesangsvereine und den Sozialverband, der Ausflüge organisiert. “Der Zusammenhalt zeichnet Lüdo aus”, sind sich die beiden sicher.

Im Drei-Sterne-Hotel Specht kommen viele Geschäftsreisende unter, aber auch Urlauber. “Wir haben wunderbare Gäste”, sagt mir Musti vom Hotel Specht. Heinz Damm, genannt Mömmchen, sitzt am Tresen. “Lütchendortmund ist Heimat”, sagt er.

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