Mittwoch, 25. April 2018

Es würde zu weit gehen, Holzen als Dortmunder Exklave zu bezeichnen, aber der Stadtteil im Stadtbezirk Hörde mit seinen 9000 Einwohnern gerät bei vielen Aufzählungen schnell in Vergessenheit. Ganz im Süden Dortmunds gelegen, grenzt Holzen nicht nur an Schwerte, sondern teilt auch die Vorwahl 02304. Die Idylle im Ort täuscht hier über so manchen Makel hinweg.

Der Dortmunder Süden hat im Rest der Stadt einen gespaltenen Ruf. Idylle und einen leichten Snobismus erwartet man hier. Und ersteres wird bei meinem Besuch in Holzen gleich bestätigt. Pferde traben auf den Weiden, der erste Spargel wächst unter den Planen und die bergige Landschaft lockt Rennradfahrer auf die Straßen. Alles wirkt beschaulich und friedlich. Die Kehrseite: Viel los ist hier an einem Mittwoch nicht. Das weiß offenbar auch die Verwaltung, denn die erste Ampel nach dem Ortsschild scheint schon länger nicht mehr in Betrieb zu sein.


Diese Ampel scheint schon länger außer Betrieb zu sein. Foto: Johannes Schmittmann/Dortmund24

Wer aber ein Dorf erwartet, das mit einem Tante-Emma-Laden auskommt, der irrt sich gewaltig. Ein riesiger Edeka samt Getränkemarkt steht direkt an der größten Kreuzung Holzens. Und auch sonst scheint es den Bewohnern an wenig zu fehlen. Auf einem Quadratkilometer tummeln sich unter anderem ein Netto-Discounter, zwei Pizzerien, ein Friseur, ein Florist, eine Eisdiele, ebenjener Edeka und ein Bestatter. Im vergangenen November hat sich sogar noch der niederländische Non-Food-Discounter „Action“ dazugesellt. „Uns fehlt es an nichts. Mit allen grundlegenden Sachen werden wir im Ort versorgt“, sagt Sandra Hörst, die seit 20 Jahren im Ort wohnt.

An dieser Kreuzung liegen alle wichtigen Einkaufsmöglichkeiten. Foto: Johannes Schmittmann/Dortmund24

Doch ein Umstand ist vor allem vielen älteren Bewohnern ein echter Dorn im Auge. „In den vergangenen Jahren haben beide Banken im Ort innerhalb kürzester Zeit geschlossen. Ich habe zwar Online-Banking, aber für manche Dinge muss man einfach mit einem Berater sprechen“, beklagt sich Rentner Wolfgang. Ansonsten gefällt es ihm in Holzen aber prächtig. „Besonders für Hundebesitzer ist es ein Traum. In wenigen Minuten ist man im Wald und bekommt vom Lärm der Autobahn nichts mehr mit.“ Mit seinem Labrador dreht er täglich sein Ründchen und trifft dabei häufig bekannte Gesichter. Für einen Plausch unter Nachbarn nimmt er sich immer Zeit.

Wolfgang lebt seit sechs Jahren in Holzen. Foto: Johannes Schmittmann

Der Nachwuchs sieht das Ganze ein wenig kritischer. Carolin ist 17, geht noch zur Schule und ist im Ort aufgewachsen. Auch sie mag es in Holzen zu wohnen; hebt die Gemeinschaft ausdrücklich hervor. Für die Jugend werde aber zu wenig getan. „Wenn man mit Freunden etwas unternehmen möchte, fehlt es an Möglichkeiten. Außer auf dem Schulhof kann man sich fast nirgendwo treffen.“ Carolin nutzt deshalb häufig die Busverbindung nach Schwerte oder in die Dortmunder Innenstadt. Ihr persönlicher Wunsch: „Ein Kino in Holzen“.

Weiterführende Schulen: Fehlanzeige

Was Carolin nicht nennt, aber nennen könnte: Auch eine weiterführende Schule gibt es in Holzen nicht. Genau wie die 17-Jährige müssen alle Schüler ab der Grundschule pendeln. So ist Irmgard Möckel, Direktorin der Eintracht-Grundschule, die einzige Schulleiterin im Ort. Mit dem Vorurteil des „elitären Südens“ möchte sie gleich aufräumen. „Wir haben hier einen sehr gemischten Ortsteil. Neubaugebiete stehen Reihenhäusern und Mehrfamilienhäusern gegenüber.“ Auch die ethnische Vielfalt sei gegeben. „Mehr als die Hälfte der Schüler hat mittlerweile einen Migrationshintergrund.“

Irmgard Möckel ist Schulleiterin der Eintracht-Grundschule. Foto: Johannes Schmittmann/Dortmund24

Manchmal beschleicht die Schulleiterin das Gefühl, von der Stadt Dortmund etwas stiefmütterlich behandelt zu werden. „Es gibt nicht einmal einen Fußweg nach Schwerte-Holzen. Auch Straßenlaternen fehlen komplett.“ Seit 14 Jahren ist sie Direktorin an der Eintracht-Schule und erlebt den demografischen Wandel hautnah. „Als ich angefangen habe, hatten wir noch 280 Kinder an der Schule. Heute sind es 160.“

Zukunftsängste um die Grundschule hat sie aber keine. Ganz im Gegenteil: Aktuell wird das gesamte Gebäude energetisch saniert und somit zukunftsfähig gemacht. Das Geld dafür stammt aus dem landesweiten Förderprogramm „Gute Schule 2020“. Dass in Holzen nicht alles idyllisch zugeht, musste Irmgard Möckel gerade am eigenen Leib erfahren. Einbrecher haben in der Nacht von Montag auf Dienstag Laptops und andere Wertgegenstände aus der Schule entwendet. Versichert ist die Schule nicht.

Kulinarisches Highlight

Doch nun zu den positiven Seiten von Holzen: Egal wen man auf der Straße anspricht, alle loben das kulinarische Angebot. Und ein (natürlich uneigennütziger) Selbsttest zeigt: absolut zu Recht. Die Pizza, die mir Daniela Cona von der Pizzeria „da Pino“ zum Mittagessen serviert, sucht nicht nur in Dortmund ihresgleichen. Knuspriger Rand, hochwertige Zutaten und ein nettes Ambiente sorgen für einen Hauch „La dolce vita“ im Dortmunder Süden.

Die große Pizza „Toscana“ kostete gerade einmal 6,50 Euro. Foto: Johannes Schmittmann/Dortmund24

Inhaber Pino Cona erklärt mir, dass er vor 20 Jahren von Sizilien nach Deutschland gekommen sei. Seit 17 Jahren betreibt er nun die Pizzeria zusammen mit seiner Familie. „Wir packen alle mit an.“ Selbst Enkel Dario wuselt schon durch den Betrieb.

Es war der perfekte Abschluss eines netten Stadtteilspaziergangs durch Dortmund-Holzen.

Pino Cona mit Dario, Daniela und Martin Cona. Foto: Johannes Schmittmann/Dortmund24

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