Mittwoch, 25. April 2018

Ein Schockvideo macht gerade die Runde im Internet: Drei Gaffer schießen Fotos von einem Rettungseinsatz. Doch die Aktion geht gehörig nach hinten los. Die Macher aus Dortmund wollen mit dem Film gleichzeitig schockieren und aufklären. Die Retter kennen das Problem.

Drei Freunde kommen an einem schweren Unfall vorbei. Sie machen erst von weitem Fotos, kurz darauf posiert die junge Frau mit Feuerwehrhelm neben dem Einsatzwagen. Die Aufnahmen werden sofort in den sozialen Medien geteilt und von anderen bejubelt. Später schießen die drei jungen Menschen Selfies am Unfallort und behindern damit die Rettungskräfte. Am Ende geht die Aktion aber so richtig nach hinten los.


Mittlerweile soll das Video rund sieben Millionen mal geklickt worden sein. Das schätzen zumindest die beiden Macher, Elena Walter und Emanuel Zander-Fusillo von „Blickfänger“. „Genaue Zahlen haben wir nicht. Das Video taucht überall auf“, sagt die Filmemacherin erfreut. Erwartet haben sie diesen Erfolg nicht. Aber erhofft haben sie ihn sich, „damit das Video und die Botschaft bei möglichst vielen Leuten ankommt.“

„Das hat uns schockiert“

Auf die Idee kamen die beiden Filmemacher, die an der FH Dortmund gelernt haben, selbst: „Uns ist aufgefallen, dass es immer mehr Meldungen zu Gaffern gibt“, sagt Walter. Und die würden – wie im Video dargestellt – immer dreister vorgehen. „Das hat uns schockiert.“ Dass am Ende des gut gemachten und mit rund vier Minuten angenehm kurzen Films auch dem Zuschauer ein kalter Schauer über den Rücken läuft, sei durchaus gewollt: „Man trifft dann besser den Nerv und das Thema bleibt in den Köpfen hängen.“

Der Filmdreh zu dem Video fand in Osnabrück statt. Foto: Oliver Pracht

„Geil“, „Mega“ und „MEHR!“: auch die Antworten der Nutzer auf die im Film verschickten Fotos schockieren. Geht es in den sozialen Netzwerken wirklich bloß noch um Aufmerksamkeit? „Das Gefühl haben wir teilweise schon“, schätzt Walter. Es gehe darum, sein Geltungsbedürfnis zu befriedigen. Dafür seien Facebook und Co. der ideale Boden.

Dortmunder Retter kennen das Problem

Dass die im Video gezeigten Aktionen keineswegs übertrieben sind, haben die Filmemacher auch als Feedback von Rettern bekommen, die den Film gesehen haben. Einem Notarzt sei sogar während eines Einsatzes die Tasche weggenommen worden.

„Wir haben ständig damit zu tun“, sagt auch Kim Ben Freigang, Pressesprecher der Polizei Dortmund. Gut in Erinnerung geblieben ist ihm ein Unfall auf der A46 in Hagen. Ein junger Mann hatte einen schweren Unfall. Gaffer machten Fotos davon und veröffentlichten sie in einer Whatsapp-Gruppe. Zufällig sahen auch die Eltern des Jungen die Aufnahmen, eilten sofort zum Unfallort. Später stirbt der junge Mann. Der Super-GAU für alle Beteiligten. „Das ist genau das, was der Film meint“, sagt Freigang.

Elena Walter und Emanuel Zander-Fusillo aus Dortmund haben das Drehbuch geschrieben und den Dreh geleitet. Foto: Oliver Pracht

„Am liebsten wäre uns natürlich, wenn die Leute das gar nicht erst machen.“ Schließlich hätten die Retter an Unfallorten besseres zu tun, als sich um Schaulustige zu kümmern. Wer solche Fotos macht und anderen schickt, macht sich zudem strafbar. Bis zu zwei Jahre Gefängnis oder eine hohe Geldstrafe drohen. Erst kürzlich sei der entsprechende Paragraf verschärft worden.

Respekt vor der Privatsphäre

An den Unfall und die Gaffer erinnert sich auch André Lüddecke, Pressesprecher der Dortmunder Feuerwehr. „Das Phänomen gibt es – durch alle Gesellschaftsschichten“, sagt er. Die Leute hätten ein Bedürfnis, Informationen weiterzugeben. Dabei gelte es jedoch, die Persönlichkeitsrechte der Verletzten zu respektieren, fordert er. Dass man so nah, wie in dem Video gezeigt an die Einsatzkräfte herankommt, sei aber unrealistisch. Der Gefahrenbereich werde generell abgesperrt und vom Einsatzleiter bewacht.

In Dortmund halte sich das Interesse von Schaulustigen an den Einsätzen aber noch in Grenzen: „Die Fälle, die ich kenne, waren nicht schlimm“, sagt Lüddecke. Sein Rat: „Stellen sie sich vor, sie liegen dort selber im eigenen Blut. Da wollen sie nicht, dass Fotos bei Facebook und Whatsapp herumgehen.“ Die Wirkung des Twists am Ende des Videos kann er aber bestätigen: „Die Leute werden erst wachgerüttelt, wenn etwas im familiären Umfeld passiert.“

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