Donnerstag, 16. August 2018

Schallplatten erleben derzeit einen Boom. Wir haben mit Valentin Gube von Black Plastic Records in Dortmund über den Hype, das Flair von Plattenläden und den Record-Store-Day am Samstag (22. April) gesprochen.

Dortmund – Als ich den Laden betrete, ist Valentin Gube noch beschäftigt. Der Inhaber verhandelt mit einem jungen Kunden über den Ankaufspreis einiger Schallplatten. Kurz darauf legt ein älterer Musikfan einen handbreiten Stapel Jazz-LPs für mehrere hundert Euro auf den Tresen. Das Geschäft mit den Platten scheint also auch in Dortmund zu florieren.

Dortmund24: Ich habe etwas gestöbert und eine Metallica-Platte aus meinem Geburtsjahr ’87 für 40 Euro, eine Beatles-Scheibe für 100 Euro und ein Green-Day Erstpressung für 250 Euro gefunden. Wer kauft sowas?


Valentin Gube: Das sind Sammler. Die normale Kundschaft kauft das nicht unbedingt. Lange Zeit war der Sammlerbereich der einzige, in dem Platten verkauft wurden. Zwischen 1990 und etwa 2010 hat das Vinyl-Geschäft hauptsächlich von den Sammlern gelebt. Das Schöne ist jetzt, dass es wieder Leute gibt, die die Platte wieder als normales Medium ihrer Wahl nutzen. Aber die Green-Day-Single ist eben super-selten und eher etwas für Sammler.

Valentin Gube von Black Plastic Records
Valentin Gube (29) ist Inhaber von Black Plastic Records an der Rheinischen Straße. Den Laden gibt es seit fünf Jahren. Er verkauft in seinem Geschäft ausschließlich Vinyl. Die teuerste Platte, „Three Parts to my Soul“ von Dr. Z, ist für 3.000 Euro über den Tresen gewandert. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Die Zeiten der großen CD-Verkäufe sind vorbei, Streamingdienste sind im Kommen. Brauchen wir überhaupt noch Plattenläden?

Plättenläden sind eine Art Musik-Hort. Das wichtigste Merkmal ist, dass Musik dort noch greifbar ist. In einem Saturn ist es eher ein „hingehen, kaufen, weggehen“. Im Plattenladen gibt es immer persönliche Kommunikation. Wir sind ansprechbar, man kann uns seine Wünsche mitteilen, mit uns fachsimpeln.

Ihr habt alle Musikgenres im Angebot. Das ist nicht in jedem Plattenladen so.

Das war das Ziel. Wir haben nicht unendlich viel Platz, wollen aber auch kein Überangebot haben. Uns besuchen nicht nur Sammlerkunden, sondern auch viele junge Leute. Es soll ordentlich aussehen. Wenn ich in einen Laden gehe und alles ist staubig und vergilbt – das war vielleicht mal cool, aber unterm Strich sollte es sauber und sortiert sein. Das ist aber vielleicht auch ein modernerer Ansatz.

Wie erklärst du dir den Boom, den das Vinyl gerade wieder erlebt?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Es gibt natürlich Leute, die sagen: Vinyl klingt viel besser. Das was den Boom im Moment ausmacht sind aber Leute zwischen 20 und 35, die sicher nicht alle die besten Anlagen Zuhause stehen haben. Die hören die feinen Unterschiede gar nicht.

Aber warum kaufen die das dann trotzdem?

Ich glaube, das ist eine Feeling-Sache. Ein Cover in die Hand nehmen, eine Platte rausholen, auflegen. Du hörst aufmerksamer, liest dir die Infos durch, schaust das Artwork an. Bei einer CD oder MP3 ist das ja meist gar nicht vorhanden. Das verleiht der Musik wieder mehr Wert. Ich habe mal eine Statistik gelesen, dass 80 Prozent der bei Spotify angeklickten Songs gar nicht zu Ende gehört werden. Platte hören hat etwas mit bewusstem Konsumieren zu tun. Das macht man nicht nebenbei beim Kochen.

Vinylschallplatte auf einem Plattenspieler
Zeitlos: Ende des 19. Jahrhunderts ging die Vinylschallplatte in Serienfertigung. Bis heute ist sie bei Hörern beliebt. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Viele Videotheken schließen derzeit, weil es Netflix und Amazon gibt. Was steht der Musikbranche und den Plattenläden bevor?

Unser Vorteil ist, dass wir ein zeitloses Produkt anbieten. Beim Film waren die Quantensprünge zwischen der Videokassette und der DVD so groß, dass man nicht wieder zurück wollte. Und wenn ich jetzt HD-Qualität streamen kann, stellt sich die Frage: warum brauche ich noch Blue-Ray? Das fällt bei Musik weg, weil es auch etwas ist, was du mehrfach konsumierst. Die wenigsten Filme schaut man sich häufiger an.

Aber das gilt für Bücher doch auch.

Für Bücher gilt das auch. Bücher sind aber einfach schön. Das Lesen ist was besonderes.

Dann haben Bücher also mehr mit Platten gemeinsam als mit Filmen.

Auf jeden Fall. Weil du dich auch länger damit auseinandersetzt. Das begleitet dich über Wochen. Bei einer geliebten Platte ist es genauso. Die hörst du immer wieder. Aber gibt es sowas wie eine „geliebte MP3“? Erinnert man sich an seine erste MP3? Ich glaube, das ersetzt die Platte nicht. Und die jungen Leute suchen quasi nach etwas, das sie nicht mehr hatten und jetzt im Vinyl-Medium finden können.

Die Plattenläden waren ja nie weg. Was muss man dem Hörer oder Sammler heute bieten, damit sich das Geschäft überhaupt noch lohnt?

Wir haben mit einer kleinen Auswahl angefangen. Wir haben von Anfang an wenig für uns behalten und viel eingekauft. Ich sammle eigentlich fast gar nicht mehr. Dadurch, dass ich jeden Tag damit zu tun habe, ist es für mich nicht mehr so relevant, etwas auch Zuhause zu haben. Außerdem darf man nicht den Fehler machen, zu wenig nachzukaufen. Zuletzt habe ich auf der größten Plattenbörse der Welt, in Utrecht, meine Raritäten verkauft.

Was muss ich mir unter dem Record-Store-Day vorstellen, der am Samstag stattfindet?

Die Geschichte wurde vor zehn Jahren von Plattenladeninhabern, ich glaube in Detroit, gegründet. Damals sanken die Umsätze, die mussten was tun. Dann haben sie Bands gefragt, die sie kannten, ob sie spezielle Platten herausbringen wollten. Die gab es dann nur an diesem Tag in den unabhängigen Plattenläden zu kaufen. Das hat sich weiterentwickelt und soll jetzt auch hier die Läden unterstützen.

Welche Platten gibt es denn dann am Samstag?

Ich kann verschiedenes bestellen, beschränke mich da aber. Es gibt rund 200 Sonderveröffentlichungen oder farbige Vinyls. Ein großes Thema ist zum Beispiel David Bowie, ein anderes Leonard Cohen. Also Künstler, die gerade gestorben sind. Allein von David Bowie gibt es aber 20 neue Pressungen, die es in der Form schon irgendwie gibt. Es macht aber oft keinen Sinn, sich Neuware ins Regal zu stellen, die dann nur an dem Tag verkauft wird, sonst aber rumsteht. Ich mache mir daraus einen schönen Tag. Es kommt ein Singer-Songwriter aus England, es wird Angebote geben und gegrillt.

Neben Black Plastic Records bekommt ihr in Dortmund auch hier Platten:

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