Dienstag, 22. Mai 2018

Daniel B. will Sonntagmorgen (4. Februar) nach einer Party eigentlich nur zum Taxi. Plötzlich wird er angegriffen und heftig verprügelt. Mehrere Brüche im Gesicht sind die Folge. Die Täter flüchten. Niemand hilft oder ruft die Polizei. Jetzt sucht Daniel nach Zeugen – und fordert mehr Zivilcourage.

Blutergüsse unter seinen Augen zeugen noch immer von den Schlägen, die der 24-Jährige aus Dortmund vor gut einer Woche einstecken musste. Warum er angegriffen wurde, weiß er bis heute nicht. Und es ist fraglich, ob sich daran etwas ändern wird. Doch von vorne.


Daniel ist ein unaufgeregter Typ. Er spricht über den Vorfall so, als würde er schon Wochen zurückliegen. Dabei ist seit der Attacke gerade mal eine vergangen. Daniel und zwei Freunde kommen von einer Party im Brückstraßenviertel. Es ist viertel vor drei am Sonntagmorgen. Sie haben Alkohol getrunken, aber nicht zu viel, sagt Daniel später. Den Polizisten, auf die sie später noch treffen werden, fällt zumindest einer von ihnen als deutlich angetrunken auf.

Die drei jungen Männer überqueren den Platz von Leeds, der auch am frühen morgen meist gut besucht ist. Viele Nachtschwärmer stärken sich mit einem Imbiss in der Brückstraße. Andere steigen in Taxen, Busse oder die U-Bahn in der Nähe, um nach Hause zu fahren.

Daniel fällt eine Gruppe von zehn Personen auf, die in der Ecke zwischen Reinoldikirche und der Bäckerei-Filiale stehen. Alle sind dunkel gekleidet. Als die drei jungen Männer vorbeigehen, pöbelt einer aus der Gruppe Daniel an. Der ignoriert das, geht weiter in Richtung Taxistand. „Zehn Sekunden später sehe ich zehn Mann über die Mauer springen“, berichtet Daniel. Drei davon stürzen sich auf ihn, schlagen ihm immer wieder ins Gesicht. Er ist seit Jahren Ringer und kann sich selbst verteidigen. Aber gegen drei Mann hat er keine Chance.

Irgendwann kann Daniel sich losreißen, rennt die Kuckelke runter zum Wallring. Am Netto sackt er zusammen. „Als ich blutend auf der Bank saß, sind fünf, sechs Leute vorbeigegangen. Nur einer hat gefragt, ob alles in Ordnung ist“, sagt Daniel mit Ärger in der Stimme. Erst Minuten später ruft er selbst die Polizei. Denn: Das hatte bislang noch keiner getan.

Es muss Zeugen geben

Warum er angegriffen wurde, kann Daniel nur vermuten: „Ich bin ihnen wohl einfach zu nah gekommen.“ Gut möglich, dass sie in der Ecke mit Drogen gehandelt hätten. „Aber es gibt doch keinen Grund, jemanden so kaputt zu schlagen.“ Kurz nach der Tat hatte er Hilfe noch abgelehnt. „Ich wollte nicht ins Krankenhaus, sondern nur nach Hause“, sagt er. Doch Hilfe wäre bitter nötig gewesen.

Der Stirnknochen (oben) ist mehrfach gebrochen. Foto: Privat

Denn später stellen die Ärzte fest: Daniel hat eine gebrochene Nase, auch das Nasenbein ist durch. Außerdem ist das Stirnbein gebrochen. Eine schwere Verletzung. Am vergangenen Freitag sollte ihm eine Metallplatte eingesetzt werden, um die gebrochenen Knochen zu stabilisieren. Er wird mehrere Wochen nicht arbeiten können.

Polizei hat kaum Anhaltspunkte

Bei der Polizei hat Daniel Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Unbekannt gestellt. Laut Polizeiprotokoll sei er „sichtbar verletzt“ gewesen. Seine Freunde sind mit Blessuren davongekommen. Während das Opfer von zehn Tätern spricht, hat die Polizei fünf Verdächtige notiert. Die Männer sollen zwischen 20 und 30 Jahre alt gewesen sein. Im Polizeibericht steht dann meist „südländisches Aussehen.“ Das sagt irgendwie nichts und doch alles. Es gibt kaum Hinweise zur Herkunft der Täter. Und auch ihr Aussehen beschreibt es nicht. Es ist eine Hülse, die zeigt, dass nach Phantomen gesucht wird.

Videokamera am Platz von Leeds. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Obwohl am Platz von Leeds eine Videokamera installiert ist, gibt es zu dem Vorfall keine Aufnahmen. Die Beamten hatten bereits versucht, Bilder der Tat auf den Bändern zu finden. „Dieser Bereich ist von uns nicht Videoüberwacht“, sagt eine Polizeisprecherin auf Nachfrage. Das sei aus Datenschutzgründen gar nicht möglich. Überall Kameras aufzuhängen sei auch nicht sinnvoll. Die Taten würden sich dann in Seitenstraßen verlagern, wo keine Kameras hingen.

Ein Taxifahrer bestätigt uns, dass es hier an Wochenenden ab 3 Uhr oft zu Problemen mit Betrunkenen komme. „Ich habe deshalb schon ein paar Mal die Polizei gerufen“, sagt er.

Daniel findet deshalb, eine Kamera reiche nicht: „Dann muss da jemand Wache schieben.“ Aus Sicht der Polizei sei die Szene nur schwer zu beurteilen. Generell gelte aber: „Wir sind präsent, gerade zur Nachtzeit wenn Partys sind“, sagt die Sprecherin. „Wir können aber nicht zu jeder Minute überall sein.“ Über die Kriminalität in der Brückstraße und aufgeklärte Fälle hatten wir bereits berichtet.

Zivilcourage: „Im Bereich des Möglichen“

Was Daniel außerdem bitter aufstößt: Dass niemand sofort die Polizei gerufen hat. „Es muss jemand gesehen haben“, ist er sicher. „Aber jeder will einfach nur seinen Arsch retten“, befürchtet er. Selbst der Taxifahrer, der ihn später nach Hause fuhr, habe zugegeben, etwas gesehen zu haben – und nichts unternommen.

Die Polizeisprecherin kann seinen Unmut verstehen: „Das ist nachvollziehbar, wenn ich Leute sehe, die drumherum stehen.“ Dass Leute hin und wieder helfen, sei natürlich schön. „Wir wollen aber niemanden zu Handlungen anleiten, die für ihn schwierig werden.“ Denn: Wer greift schon gerne in eine solche Schlägerei ein?

In dieser Nacht kam es zu zwei weiteren Übergriffen, über die wir bereits berichtet haben:

Sie rät deshalb: Wer einen Vorfall sieht, solle am besten sofort die 110 wählen. „Wenn wir es nicht selbst mitbekommen, sind wir darauf angewiesen, dass die Leute uns informieren.“ Den Notruf zu wählen, das sollte schließlich jeder hinbekommen. „Danach Hilfe anzubieten, ist natürlich durchaus im Bereich des Möglichen“, sagt die Polizeisprecherin.

Die Gründe, die Täter: Es bleibt zu befürchten, dass das alles im Dunkel dieser Nacht bleibt, in die auch die Schläger verschwunden sind. Die Chancen, sie zu finden, wären größer. Wenn jemand früher die Polizei ruft. Oder einfach nur hinschaut. Und Hilft.

Wer hat etwas gesehen?

Der Angriff auf Daniel und seine Freunde ist in der Nacht auf den vergangenen Sonntag (4. Februar) gegen 2.45 Uhr passiert. Tatort war die vordere rechte Ecke des Platzes von Leeds, an der auch die Taxen parken. Wer sich an etwas erinnert, kann sich beim Kriminaldauerdienst der Polizei unter 0231/132 7441 melden.

Kommentare

ANZEIGE