Donnerstag, 14. Dezember 2017

Über Neonazis im Stadion wurde viel geschrieben. Und das Thema ist auch in Dortmund noch immer aktuell. In einer Diskussionsrunde im Deutschen Fußballmuseum sind am Montagabend Politik und Forschung auf die Fanszene getroffen. Dabei waren sich nicht immer alle einig.

Es sei ein “schwieriges, kontroverses Thema”, sagte Manuel Neukirchner, Geschäftsführer des Deutsches Fußballmuseums, zu Beginn der Veranstaltung. “Angriff von Rechtsaußen – Neonazis im Stadion” lautete der im Fußballsprech verfasste Titel der Diskussionsrunde, durch die Deutschlandfunk-Moderator Matthias Friebe führte.

Dabei vertrat Claudia Roth, Grünen-Abgeordnete und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, die Politik. Einen wissenschaftlichen Blick auf die Szene warf der Fanforscher und Sportsoziologe Gunter Pilz. Aus der Kurve berichtete Torsten Schild, Leiter der BVB-Fanabteilung. Neben zahlreichen erwartbaren Thesen gab es aber auch kontrovers diskutierte Ansätze, etwa über den Umgang mit gewaltbereiten Fans und Kollektivstrafen.

“Fußball ist Brennglas der Gesellschaft”

“Die Behauptung, Fußball habe mit Politik nichts zu tun, ist einfach Unsinn”, stellt Roth eingangs klar. Aussagen der AfD-Bundestagsabgeordneten Alexander Gauland und Beatrix von Storch zu Jerome Boateng oder der Nationalmannschaft würden zeigen, wie versucht werde, den Fußball zu missbrauchen. Auch gelte es, die Verbindungen von Hooligans und Rechtsextremen aufzudecken, forderte die bekennende Augsburg-Anhängerin.

Würden mit Rassisten wohl kein Bier trinken: Sportsoziologe Gunter Pilz (links) und Torsten Schild, Leiter der BVB-Fanabteilung. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Schild, der jede Woche rund 30 Stunden ehrenamtliche Arbeit für die BVB-Fans leiste, wollte rechte Tendenzen nicht wegreden. “Man kann das aber nicht auf alle Fans umlegen”, warnte er. Mit Aktionen wie “Kein Bier für Rassisten” habe die Fanabteilung des BVB deutlich Stellung bezogen und sei “dem Rassismus schon an der Theke begegnet”.

Fanforscher Pilz stützt diese Ansicht. “Fußball ist kein Spiegelbild, sondern ein Brennglas der Gesellschaft.” Dadurch, dass der Sport stärker im Fokus der Öffentlichkeit und der Medien stehe, würden auch Probleme stärker wahrgenommen. Rassismus sei im Fußball aber nicht größer oder kleiner, als im Rest der Gesellschaft, sagte Pilz. Dafür sei die Zahl der Initiativen gegen Rassismus deutlich größer.

Rechtsextreme niederbrüllen?

Auch die rassistischen Schmähungen beim Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Tschechien in Prag waren Thema. “Dass Hummels gesagt hat, das sind nicht unsere Fans, war ein tolles Zeichen”, kommentiert Pilz die Reaktion des Siegtorschützen nach dem Spiel. Er hätte sich das auch von Trainern und Verantwortlichen gewünscht. Zudem fehlte ihm eine Reaktion der deutschen Fans gegen die Rassisten: “Wieso ergreift man so eine Chance nicht und brüllt sie nieder?”, fragt der Gewaltforscher.

Fordert härteres Durchgreifen: Die Grünen-Politikerin Claudia Roth mit Moderator Matthias Friebe bei der Diskussion im Fußballmuseum. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Als Negativbeispiel führte Roth das Spiel Cottbus gegen Babelsberg an, bei dem es Ende April neben Ausschreitungen auch zu rechtsextremen Äußerungen kam. “Das war keine Störung, sondern offener Rassismus.” Sie forderte von den Sportgerichten härteres Durchgreifen. Applaus erntete sie für ihre Aussage, dass die Ultras in diese Richtung bereits viel erreicht hätten.

Auch aus Sicht der Fans habe bereits ein Umdenken stattgefunden, sagte Schild: “Sobald rechte Tendenzen erkannt werden, wird eingeschritten.” Dass, wie etwa in Aachen, linke Fans von rechten aus dem Stadion gejagt werden, hätte auch in Dortmund passieren können. “Dortmund war lange auf einem Auge blind”, sagt der Fanbetreuer. Der Hebel sei rechtzeitig umgelegt worden. Die Fanabteilung arbeitet die NS-Zeit heute etwa mit Fahrten zu Gedenkstätten auf.

Deutliche Kritik an Fußball-Verbänden

Doch reicht das? Die Teilnehmer der Runde diskutierten auch die Rolle der Fußballverbände – und sparten nicht an Kritik. Bereits die Satzung des DFB sei “hochpolitisch”, befand Pilz. Dennoch würden sich die Verantwortlichen davor drücken, diese auch durchzusetzen. Bislang tue sich – bis auf Symbolpolitik – nur wenig.

Auch die WM-Turniere in Russland (2018) und Katar (2022) waren Thema. Die Verbände dürften sich nicht “zum Büttel von propagandistischen Interessen” machen lassen, forderte Roth. Dass ein Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) mit Russlands Präsident Putin Champagner trinke, während die Krim eingenommen werde, sei inakzeptabel. Eine Positionierung scheint notwendig. Es werde bei diesen Turnieren auch darauf geschaut, welche Fans aus Deutschland anreisen. Roth ist sich sicher: “Wir haben ein Problem mit Rassismus in diesem Land!” Schärfere Ausreise- oder Meldeauflagen gegen bekannte rechtsextreme Gewalttäter seien denkbar.

Stefan Mühlhofer ist Leiter der Gedenkstätte Steinwache nahe des Dortmunder Hauptbahnhofs. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Eine Zuschauerin kritisierte in der Fragerunde die Strukturen etwa des DFB und der Polizei. Ein anderer forderte mehr Druck auf Verband und Behörden. Gegen eine Radikalisierung in den Amateurligen könne der DFB jedoch kaum etwas unternehmen, sagte Pilz. Das sei Aufgabe der Landesverbände. Zudem müsse jedem Hitlergruß eine Strafanzeige der Polizei sowie ein Stadionverbot des Vereins folgen.

Auch die Rolle des BVB kam zur Sprache. Stefan Mühlhofer, Leiter der Gedenkstätte Steinwache, sprach von einem regelrechten Kampf mit dem Verein, als es 2008 darum ging, in einer Studie auf rechte Tendenzen hinzuweisen. Es sei der Verdienst der Fans gewesen, dass dies gelungen sei. “Das ging von unten nach oben – nicht andersherum”, sagte Mühlhofer.

Diskussion um Kollektivstrafen

Spätestens beim Thema Kollektivstrafen gingen die Meinungen dann merklich auseinander. Fanforscher Pilz sagte, er verstehe die Forderung der Ultras danach, Einzeltäter festzunehmen. Dem gegenüber stehe aber die Forderung, den Block nicht zu sperren, wenn darin massiv Pyrotechnik gezündet würde. Sobald sich Fans durch Vermummung oder Wechseln der Kleidung einer Verfolgung entziehen, habe er Verständnis für Kollektivstrafen. “Immer auf die Ultras, oder was?”, erntete er unter anderem als Zwischenruf. Bei Rechtsextremismus im Block komme das nicht in Frage, relativierte Pilz und stellte die These auf: “Nicht wenige Ultras fürchten nichts mehr, als dass es zum Dialog mit dem DFB kommt – weil dann ein Feindbild fehlt.”

Roth sagte abschließend, sie sei gespannt, ob bei den kommenden Weltmeisterschaften die neuen Regeln der Fifa Anwendung finden würden. Demnach könnten Spiele bei rassistischen Äußerungen abgebrochen werden. “Ich mache mir Sorgen vor der WM.”

 

Diskriminierung im Fußball:

  • Laut Pilz kommt es in 0,3 Prozent der jährlich rund 1,45 Millionen Fußballspiele in Deutschland zu Diskriminierungen. “Was dort passiert, ist gesellschaftliche Wirklichkeit”, sagt er.
  • 84 Prozent aller Fußballmannschaften würden von Menschen geleitet, die dafür nicht ausgebildet seien. Pilz fordert hier den Einsatz von Sozialarbeitern.
  • Immer weniger Menschen engagieren sich im Sport. Diese Krise des Ehrenamts komme Mitgliedern von AfD und NPD entgegen, die bei Vereinen Einfluss nehmen wollen. Da werde schnell mal ein Auge zugedrückt. “Man vergisst, dass der Sport damit völlig überfordert ist”, warnt Pilz.

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