Sonntag, 19. November 2017

In Dortmund wird der Wohnraum immer knapper. Das Wohnbauunternehmen Vonovia hat sich etwas einfallen lassen, um dem entgegenzuwirken: Es setzt auf einige seiner Häuser einfach noch eine Etage drauf. Am Mittwoch (24. Mai) wurde das erste fertiggestellte Wohnhaus dieser Art im Kreuzviertel vorgestellt – eigentlich ein Grund zum Feiern. Einige Anwohner sind jedoch gar nicht gut auf das Unternehmen zu sprechen. Sie protestierten unter dem Motto: “Wir Mieter sind keine Melkkühe!”

Dortmund – Das Prinzip ist vielversprechend. Anstatt irgendwo am Stadtrand neue Wohnsiedlungen hochzuziehen, setzt Vonovia einfach auf bereits bestehende Häuser “noch einen drauf”. “Serielle Dachaufstockung in modularer Bauweise” nennt sich das. Durch die Fertigbauweise ist der Bau nicht nur günstiger, sondern auch schneller als gewöhnlich. Für 20 neue Wohnungen auf insgesamt 13 Häusern hat Vonovia in der Blankensteiner Straße im Kreuzviertel gerade mal sechs Monate gebraucht.

Freuen sich über die Einweihung der neuen Wohnungen: Arnd Fittkau (Vonovia), Ludger Wilde (Planungsdezernent der Stadt Dortmund), Thomas Böhm (Amt für Wohnen und Stadterneuerung) und Ralf Peterhülseweh (Vonovia) (v.l.n.r.). Foto: Felix Huesmann/Dortmund24
Freuen sich über die Einweihung der neuen Wohnungen: Arnd Fittkau (Vonovia, von links), Ludger Wilde (Planungsdezernent der Stadt Dortmund), Thomas Böhm (Amt für Wohnen und Stadterneuerung) und Ralf Peterhülseweh (Vonovia). Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Darüber freut sich auch Dortmunds Planungsdezernent Ludger Wilde. “Wir unterstützen es ausdrücklich, wenn der Wohnbestand modernisiert wird und schätzen es besonders, dass mit diesem Vorhaben neue Wohneinheiten geschaffen werden”, betont er am Mittwoch. Auch Arnd Fittkau, Regionalgeschäftsführer von Vonovia, ist zufrieden. “Das Projekt hier hat Leuchtturmcharakter”, sagte bei seiner Ansprache in einer der neuen Wohnungen. Und: “Der modulare Wohnbau hilft uns, kostengünstigen Wohnraum zu schaffen.” Dabei werden die neuen Wohnungen für Dortmunder Verhältnisse nicht gerade günstig vermietet. Mehr als neun Euro pro Quadratmeter müssen Mieter für die brandneuen Wohnungen berappen. Probleme, die Wohnungen loszuwerden, hat Vonovia jedoch nicht. Schon eine Woche nach Vermarktungsstart sind sie alle vermietet.

Mieter protestieren

Die “Dachaufstockungen” werden auch von Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau begrüßt. In einer Pressemitteilung von Vonovia wird er mit den Worten zitiert, Vonovia sei “als größter Vermieter der Stadt seit vielen Jahren ein interessanter Partner auf dem Wohnungsmarkt, der in seinen Beständen auch eine nachhaltige Quartiersentwicklung betreibt.”

Mieter protestieren gegen Vonovia. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24
Mieter protestieren gegen Vonovia. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

Einige Mieter der Vonovia-Wohnungen rund um die Blankensteiner Straße sehen das allerdings anders. Gemeinsam mit dem Mieterverein Dortmund haben sie sich pünktlich zum Pressetermin versammelt, um ihren Unmut kund zu tun. Auch in einigen Fenstern im Viertel hängen ausgedruckte Schilder. “Mietenwahnsinn stoppen” steht zum Beispiel darauf. In einem Fenster des vorgestellten Hauses in der Blankensteiner Straße 6 hängen selbstgemalte Plakate: “Qualitätsstandard Heizungsaufall” und “Abgezockt und Vollgemüllt” haben die Bewohner darauf geschrieben. Über den größten Privatvermieter Deutschlands haben sie kein gutes Wort zu verlieren.

Seit sieben Jahren Streit

Tobias Scholz vom Mieterverein erklärt, warum. “Wir begleiten die Mieter hier schon seit sieben Jahren”, sagt er. Damals gab es das Unternehmen Vonovia noch gar nicht, die Häuser gehörten der Vorgänger-Firma Deutsche Annington. Der Kritikpunkt: “Vonovia saniert zu Lasten der Mieter.” Die Häuser hätten eine Sanierung dringend nötig gehabt. “Es gab aber ab 2011 horrende Mieterhöhungen”, so Scholz. Deswegen befinden sich Anwohner und Mieterverein immer noch im Streit mit Vonovia. “Und jetzt sollen noch weiter Erneuerungen folgen, es sollen zum Beispiel die alten Heizungen getauscht werden”, erzählt Tobias Scholz. Das Problem dabei sei, dass die Energieeinsparungen nur einen Bruchteil der Mieterhöhungen ausmachen würden.

Auch mit den Dachaufstockungen habe es viele Probleme gegeben: “Wir haben vorher eine Mieterversammlung gemacht. Die Mieter haben da alle ihre Befürchtungen geäußert. Und eigentlich ist trotzdem alles schief gelaufen.”

Planungsdezernent Ludger Wilde im Gespräch mit Anwohnern und Tobias Scholz vom Mieterverein (links). Foto: Felix Huesmann/Dortmund24
Planungsdezernent Ludger Wilde (Zweiter von links) im Gespräch mit Anwohnern und Tobias Scholz (links) vom Mieterverein. Foto: Felix Huesmann/Dortmund24

“Grünflächen wurden weggenommen und als neue Parkplätze genutzt, auf einmal fehlen wegen der Aufstockung die Stellplätze für Waschmaschinen und im Waschkeller liegt noch Dämmmaterial von vor Jahren rum” erzählt Carsten Sandfuchs, der in einem der aufgestockten Häuser wohnt. Dazu kam während der Bauarbeiten noch ein weiteres Ärgernis: Die Arbeiten fanden im Winter statt. Das habe für kalte Wohnungen gesorgt. Von Vonovia sei im Vorfeld zu hören gewesen, dass es in Deutschland ja gar keinen richtigen Winter mehr gebe, heißt es.

Kein Verständnis für Kritik

Arnd Fittkau kann mit der Kritik der Mieter nur wenig anfangen. “Den Unmut kann ich in Bezug auf den Ablauf des Baus verstehen. Aber wie soll man das denn anders machen?” sagt er gegenüber Dortmund24. Und was ist dran an der Kritik der überzogenen Mieterhöhungen? “Wir könnten eigentlich noch mehr der Kosten umlegen, wir liegen da unter dem was rechtlich möglich ist.” Außerdem sage doch niemand, dass eine Wohnbaugesellschaft kein Geld verdienen darf. Natürlich würde niemand gerne mehr Geld bezahlen. Fittkau betont aber: “Wir schmeißen niemanden einfach so raus. Wir haben auch an den Mieterverein das Angebot gemacht, in Härtefällen zur Seite zu stehen.”

Außerdem sei ein Großteil der Mieter eigentlich sehr zufrieden. “Die 95 Prozent, die es hinterher schöner finden, werden nicht gehört. Hier wohnen 700 Menschen und unten stehen zehn”, so der Vonovia-Mann.

Zum Aufweichen der verhärteten Fronten werden diese Töne wohl nicht beitragen.

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