Sonntag, 20. August 2017

Wenn Junggesellenabschiede grölend durch Dortmunds Straßen laufen, rollen die meisten Menschen mit ihren Augen. Es sei denn, sie feiern direkt mit. Aber wie sehen Wirte, Polizei und Stadt das „Problem“ des niveaulosen Sauftourismus? Und wie ist die aktuelle Situation in Dortmund? Wir haben uns mal umgehört.

Gegen Düsseldorf oder Köln, das muss direkt gesagt sein, kann Dortmund nicht anstinken. Was im Rheinland an den Wochenenden in Sachen Junggesellenabschied (JGA) passiert, ist von einer anderen Welt. Da können die Jecken nur so über unsere Stadt lachen. Doch es gibt sie auch in Dortmund, die hasenkostümierten Junggesellen, die mit Bauchtaschen ausgestattet versuchen, Kondome und Schnäpse am „letzten Tag in Freiheit“ an den Mann zu bringen.

Schrill verkleidet geht es für so manch einen Junggesellenabschied auch nach Dortmund. Foto: dpa

Hotspot in Dortmund – wenn man das so sagen kann – ist die Innenstadt mit dem Alten Markt. Hier sind das „Wenkers“ und die Kneipe „Zum alten Markt“ die Platzhirsche. Wenn die ersten Junggesellenabschiede schon am Mittag in die Kneipe einfallen und „Schnäpse in Spermaoptik“ verkaufen, ist für Betriebsleiter Jörg Kemper die rote Linie überschritten. „Wir haben hier unsere Regularien und an die hält sich selbst der Fußballgast aus dem Stadion“, sagt er. Das Problem seien häufig Gruppen, die nicht aus der Großstadt kämen. Die ließen dann in Dortmund die Sau raus – was wiederum zum Problem für so manch eine Gaststätte und deren Stammgäste wird. „Da muss man aufpassen, dass es nicht wie am Ballermann wird, wenn das Niveau zu sehr sinkt“, warnt Kemper.

Junggesellenabschiede mehren sich

Während sein Gastronomie-Kollege Frank Jülich, Betreiber der Gaststätte „Zum alten Markt“ und des „Laufstegs“ keinen großen Anstieg an Junggesellenabschieden in Dortmund feststellen kann, merkt Kemper schon, dass es mehr wird. Eine Beobachtung von ihm: Die Frauengruppen sind nicht besser, als ihre männlichen Pendants. „Da richtet der Prosecco mehr an, als es das Bier bei den Männern tut“, erzählt Kemper. Dennoch: Ein generelles Verbot für Junggesellenabschiede gibt es bei ihm nicht.

Der Alte Markt ist am Wochenende Anlaufstelle für viele Junggesellenabschiede. Foto: Daniele Giustolisi

Anders sieht es zum Beispiel im Bochumer Bermudadreieck aus. Im Kneipenviertel der Nachbarstadt scheinen die kostümierten Gruppen so überhand genommen zu haben, dass es einigen Wirten reicht. „Junggesellenabschiede müssen draußen bleiben“, so oder so ähnlich weisen manche Kneipen im Dreieck darauf hin, dass die Saufgruppen nicht gewünscht sind.

Kumpel-Erich-Chef versteht Kollegen in Bochum

Zurück nach Dortmund: Im Kreuzviertel betreibt Sebastian Nötzel das „Kumpel Erich“ – und kann die Kollegen aus Bochum bestens verstehen. Verkleidete Gruppen sind im Lokal an der Kreuzstraße nicht gerne gesehen und werden oft erst gar nicht rein gelassen. Sind sie einmal drin, werden sie zwar erstmal bedient. Doch wenn es zu wild wird, zieht Nötzel die Reißleine. „Das sind keine angenehmen Gäste“, sagt er, „so viel Wert ist kein 10-Euro-Schein, dass wir uns den Ruf als Sauf-Proleten-Laden kaputtmachen.“ Und was den Umsatz durch diese Gruppen betrifft, ist der Kumpel-Erich-Chef skeptisch. Denn manche JGA-Teilnehmer seien beim Eintritt in die Kneipe schon so voll mit Alkohol, dass ohnehin nichts mehr in den Magen passe.

Kumpel Erich im Kreuzviertel Dortmund Lindemannstraße Kreuzstraße Foto: von Joehawkins (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Das Kumpel Erich im Kreuzviertel sieht Junggesellenabschiede nicht so gerne. Foto: Joehawkins (CC BY-SA 4.0) via Wikimedia Commons
Während man im Kreuzviertel also ganz zufrieden damit ist, dass Junggesellenabschiede den angesagten Ortsteil noch nicht ins Blickfeld genommen haben, hat Frank Jülich von der Kneipe „Zum alten Markt“ in der Innenstadt andere Ansichten über die genervten Kollegen: „Das sind verbohrte Wirte“, meint er. Er freue sich stattdessen über die fröhlichen Gruppen, die auch mal seine Kneipen besuchten. „Unsere Gäste freuen sich und es ist doch schön zu sehen, wenn jemand viele Freunde hat, die mit ihm feiern.“ Jülichs Wunsch: Es könnten ruhig mehr Junggesellenabschiede in Dortmund sein.

Stadt und Polizei sind entspannt

Aktuell ist das Geschehen in Dortmund tatsächlich überschaubar. Stadt und Polizei haben mit dem JGA-Phänomen jedenfalls noch nicht so viel zu tun wie die Kollegen Düsseldorf oder Köln. Eine extra Regelung für die feiernden Gruppen gibt es laut Stadtsprecher Maximilian Löchter noch nicht. „Es gilt die Gleichstellung wie bei jedem anderen Gast in Dortmund auch“, sagt er. Stattdessen bietet die Stadt sogar Programm für die letzten Tage vor der Ehe an – und zwar im Zoo. 350 Euro für eine Drei-Stunden-Führung durch die Tierwelt nimmt die Stadt für zwölf Personen – inklusive Eintritt. Das hört sich nach einem entspannten Junggesellenabschied ganz ohne Alkohol an.

Und wie sieht man das Thema beim Dortmund-Tourismus? Aus touristischer Sicht seien Junggesellenabschiede in Dortmund „bisher nicht von großer Relevanz“, heißt es von Geschäftsführer Matthias Rothermund. Ob man gerne auch so einen Rummel hätte wie in Düsseldorf oder Köln, kann der Tourismus-Experte nicht wirklich sagen. Fazit von ihm: Gastronomie und Hotellerie müssten es schon wollen und mit den oftmals lauten Gästen gut auskommen. „Sollte alles passen, würden auch wir uns natürlich sehr über die zusätzlichen Gäste freuen.“

Bei der Dortmunder Polizei scheinen die Schnapskarawanen jedenfalls noch nicht angeklopft zu haben. Achselzucken auf die Frage, wie oft Junggesellenabschiede für Ärger sorgten. Es gäbe keine gesonderten Statistiken für Einsätze bei Junggesellenabschieden, sagt Sprecherin Dana Seketa. Subjektiv gesehen, so die Polizistin, seien Junggesellenabschiede in Dortmund aber kein Problem.

JGA-Mekka Dortmund? Eher nicht. Aber damit scheint man in der Stadt offenbar ganz zufrieden zu sein. Ob Düsseldorf und Köln da neidisch drauf sind, ist die andere Frage.

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