Sonntag, 19. November 2017

Es ist die inzwischen die dritte Demo der Hannibal-Bewohner seit der Räumung des Wohnkolosses im September dieses Jahres. Die Bewohner lassen also nicht locker. Warum auch? Denn noch immer wohnen einige von ihnen in Sammelunterkünften ohne wirkliche Privatsphäre. Am Samstag kamen etwa 50 Bewohner auf den Friedensplatz – allerdings ohne wirklich beachtet zu werden.

Ein Karnevalist in blau-weißer Tracht kommt aus dem Rathaus, sieht die Hannibal-Bewohner und fragt: “Und was seid ihr für eine Veranstaltung?”. Als er merkt, dass es sich um eine Demo handelt, stellt er sich mit aufs Foto für die Presse. “Ist ja Karneval jetzt”, flachst er und verschwindet dann wieder fröhlich ins warme Rathaus, wo an diesem grässlichen Novembersamstag die Kinderprinzenproklamation stattfindet.

Hannibal
Während im Rathaus Karneval gefeiert wurde, demonstrierten draußen in der Kälte einige Bewohner des Hannibal II. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Zum Feiern ist den Hannibal-Bewohnern aber schon lange nicht mehr zumute. Im Nieselregen und bei 6 Grad stehen sie auf dem verlassenen Friedensplatz und halten die üblichen Schilder hoch. “Wo ist die versprochene Hilfe” steht drauf, oder “Wir sind Menschen, keine Verbrecher.” Bereits bei den ersten beiden Demonstrationen im Oktober sah man selbe Sprüche.

Keine Privatsphäre in Sammelunterkunft

Eine Frau im schwarzen Nikab steht mit Kinderwagen vor der Friedenssäule und friert. Sie und ihre Familie wohnen immer noch an der Breisenbachstraße in Oestrich, am nordwestlichsten Zipfel Dortmunds. “Man hat dort keine Privatsphäre”, klagt die junge Frau. Familien mit vier bis sechs Kindern würde in Dortmund einfach keine Wohnung finden. Hinzu komme, dass man in der Sammelunterkunft auf Schritt und Tritt kontrolliert würde – etwa von den Johannitern.

Die Stadt gibt an, es gäbe aktuell im Stadtgebiet Dortmund noch mehrere freie Wohnungen in verschiedenen Größen. Doch am Ende sind es die Hannibal-Bewohner, die entscheiden, ob und wohin sie ziehen wollen. Immerhin kann es Jahre dauern, bis die Hannibal-Bewohner wieder zurück nach Dorstfeld können. Viele möchten deshalb nicht in die erstbeste Wohnung umziehen.

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Mit gepackten Koffern auf der Straße: Was die Bewohner des Hannibals für die Demo symbolisch zeigten, widerfuhr ihnen vor zwei Monaten nach der schnellen Räumung des Wohnhauses. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24
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Verlassener Friedensplatz, im Stich gelassene Hannibal-Bewohner? So in etwa war die Stimmung bei der dritten Demo der Bewohner des Hannibals. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Unterdessen ruft ein junger Mann mit Pferdeschwanz ein paar Worte ins Megafon, spricht den Bewohnern Mut zu. Er kommt von der Partei “Die Linke”. “Das sind die Einzigen, die sich wirklich um uns bemühen – die großen Parteien machen doch alle nichts”, sagt Franziska Hesse, die auch ihre Wohnung im Hannibal räumen musste. Danach kauft sie die “Sozialistische Zeitung”, die hier ein junger Mann für ein paar Euro unter den Demonstranten verkauft.

Hannibal-Bewohner fordern schnellen Umbau

Während seit der Räumung des Hannibals fast zwei Monate verstrichen sind, haben sich die Forderungen der Bewohner kaum verändert. Schnellere und unbürokratischere Entschädigung ist eine davon. Zuletzt gab es immer wieder Meldungen, wonach Hannibal-Bewohner gar nicht oder nicht schnell genug finanzielle Hilfe bekamen, nachdem sie für Fahrten im Nahverkehr und für Spritkosten in Vorleistung gehen sollten.

Außerdem fordern die Hannibal-Bewohner schnell Wohnungen für alle, die noch bei Freunden, Verwandten oder in Sammelunterkünften leben.

“Und so langsam könnte der Umbau des Hannibals losgehen”, ruft eine Frau mit blondierten Haaren. Man vermute aber, dass das noch dauern werde. “Da ist doch noch der Rechtsstreit zwischen Intown und der Stadt”, sagt Franziska Hesse. Tatsächlich hat Vermieter Intown eine Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht und in Frage gestellt, dass die Räumung des Hannibal überhaupt nötig war. Eine Gerichtsentscheidung steht noch aus.

Dass die Einwohner in zwei Jahren wieder in ihre geliebten Wohnungen dürfen, glauben hier die Wenigsten.

Info: Hilfe für Bewohner gibt es unter anderem beim Mieterverein Dortmund, der auf seiner Homepage regelmäßig wichtige Infos für Hannibal-Bewohner bereithält. Weitere Infos gibt es auf dieser Seite der Stadt Dortmund.

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