Mittwoch, 18. Oktober 2017

Man könnte meinen es brodelt gar nicht mehr allzu sehr in Sachen Hannibal. Doch der Eindruck täuscht. Bei der zweiten Informationsveranstaltung für die Mieter des Hochhauskomplexes in Dortmund-Dorstfeld geht es hoch her.

Es herrscht reges Treiben in der Stahlhalle der DASA. Rund 100 Ex-Hannibal-Bewohner haben sich hier zur zweiten Bürgerinformationsversammlung getroffen. Bei der letzten Veranstaltung kamen zwischen 150 und 170 Menschen, einige von ihnen drohten mit Hungerstreik. Das ist am Montag nicht der Fall. „Hallo Frau M., wie geht es Ihnen denn?“  – „Achja, ging schon einmal besser. Als ich meine Wohnung noch hatte, weißt du?“, antwortet eine ältere Dame ihrem alten Nachbarn über zwei Stuhlreihen hinweg. Dass Verzweiflung eine Rolle spielt, kriegt man hier mit.

Aus akuten Brandschutzmängeln, die Gefahr für Leib und Leben bedeuteten, mussten die Bewohner des Hannibal II in Dortmund-Dorstfeld am 21. September ihre Wohnungen räumen. Schutz und Sicherheit wären laut der Stadt Dortmund nicht über andere Maßnahmen möglich gewesen.

Intown sagt erneut ab

Auch Intown, der Eigentümer des Gebäudes, wurde zu der Veranstaltung eingeladen – doch dieser hat abgesagt. Oberbürgermeister Sierau begrüßt die Mieter mit: “Ich freue mich, dass Sie hier wieder hergekommen sind. Damit wir die Dinge, die Ihnen auf den Nägeln brennen, klären können.“ Und die Dinge brennen wirklich, wie sich wenig später in einigen Wortgefechten herausstellt.

Um den Dialog zwischen Stadt und Mietern nicht aus den Rudern geraten zu lassen, begleitet Dialoggestalter Dr. Frank Claus von der IKU Dortmund die Veranstaltung. So sollen die Bürger richtig zu Wort kommen. „Ich hoffe, dass wir heute ein Stück weiterkommen. Ich weiß, dass es nach wie vor viele Probleme gibt.“

25. September 2017: So sieht es am vierten Tag nach der Evakuierung am Hannibal in Dorstfeld aus. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

Eigentümer hat Brandschutzgutachter ins Haus geschickt

Bedauerlicherweise findet der Dialog auch heute ohne den Vermieter statt. Denn obwohl es bereits eine Reihe von Gesprächen mit dem Eigentümer Intown gab, halte dieser es scheinbar nicht für angebracht, den Mietern Rede und Antwort zu stehen, so Sierau. Allerdings hätte der Eigentümer am 4. und 5. Oktober einen Brandschutzgutachter ins Gebäude geschickt. Das sei ein Erfolg, so Sierau. Denn: „Der Eigentümer akzeptiert, dass es Brandschutzmängel gibt.“ Seit dem 4. Oktober hat er vor Ort ein mobiles Büro, wo er die Mieter-Betreuung durchführt. Die Hotline-Nummer hierfür ist die 030/27 00 04 63 02.

Auch Jörg Süshardt, Leiter des Sozialamts, hat bereits viele Gespräche geführt. Er ist seit 39 Jahren im Sozialamt und möchte Menschen in Dortmund helfen. Viele Einzelschicksale hat er dabei erlebt. „Wir versuchen, uns in ihre Situation hineinzuversetzen.“ Beim Einzug in ein Miethaus erlitten seine Familie und er einen fetten Wasserschaden, weil Bauarbeiter vergessen haben, das Abflussrohr richtig zusammenzustecken. „Es hat ein Vierteljahr gedauert, bis wir wieder einziehen konnten.“ Deswegen kenne Süshardt Gefühle wie Wut und Ohnmacht und das Gehadere mit dem Schicksal.

„Warum wird nicht sofort ein Bautrupp ins Hannibal geschickt und ihr (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist die Stadt) holt euch das Geld vom Eigentümer wieder?“ Das fragt Ulli. Und die Halle applaudiert. „Mit der Evakuierung der Bewohner ist die unmittelbare Gefährdung erst einmal vorbei. Wir haben keine Möglichkeit in die Rolle des Vermieters zu schlüpfen. Da kann ich nicht an seine Stelle treten“, erklärt Ludger Wilde, Leiter des Krisenstabs.

Stadt bekommt bislang keine befriedigenden Antworten

Ulli beharrt darauf: „Was, wenn ein Feuer austritt, wenn wir gerade da sind, um unser Zeug zu holen? Dann wäre es sowieso zu spät.“ Wieder applaudiert die Halle. Wilde: „Sie werden es ja gemerkt haben, Sie kommen nicht ohne Begleitung ins Gebäude. Es gibt eine begrenzte Begehbarkeit – dafür ist die Sicherheit sichergestellt. Wenn sie dort wieder anfangen zu wohnen – geht das definitiv nicht. Wir halten es mit dem begrenzen Zugang zum Hannibal.“

Die Stadt Dortmund stehe im Kontakt zum Eigentümer. Aber: „Ich bekomme keine wirklich befriedigenden Antworten“, erklärt Wilde. Der Eigentümer hat Klage gegen die Stadt Dortmund eingereicht. „Das ist wie ich ihn im Moment wahrnehme.“ Er wurde zweimal zu den Veranstaltungen in der DASA eingeladen und zweimal habe er abgesagt. „Er wird weiter eingeladen, ich würde mich freuen, wenn er kommt“, so Wilde.

22. September 2017: Nach der Räumung des Hannibal warten die Menschen am nächsten Tag darauf, in ihre Wohnungen zu kommen, um ihre Sachen holen zu können. Foto: Florian Forth/Dortmund24
22. September 2017: Nach der Räumung des Hannibal warten die Menschen am nächsten Tag darauf, in ihre Wohnungen zu kommen, um ihre Sachen holen zu können. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Keinen Plan für 753 obdachlose gewordene Menschen

Eine andere Mieterin meint: „Wir haben Verständnis für alles, aber der Sicherheitsdienst macht sehr viel Theater. Duschen, Wäsche waschen und dann muss man Nachweise bringen. Unsere Tür wurde kaputtgemacht, weil wir aus Versehen ein Licht angelassen haben. Jetzt müssen wir eine halbe Stunde warten bis jemand die Palette wegnimmt.“ Wieder applaudiert die Menge. „Unsere Verwandten sind außerdem doch nicht dafür verantwortlich, unsere Kosten zu übernehmen.“ Sierau: „Auf Grund der Ausnahmesituation in der wir sind, werden wir in ihrem Interesse prüfen, dass sie das Geld bekommen. Wir werden großzügig versuchen, alles zu erstatten, dass sie aus der Nummer raus sind.“

Und auch Süshardt betont: „Wir verstehen ihre Lebenssituation. Natürlich erstatten wir Ihnen die Ausgaben wie für den Waschsalon. Geben Sie uns die Quittung, dann überweisen wir Ihnen das Geld auf ihr Konto. Sie müssen aber auch verstehn, dass wir diese Spielregeln uns erst geben müssen. Wir haben nicht von jetzt auf gleich einen Plan für 753 obdachlose gewordene Menschen.“

Auch das Schicksal eines Vaters geht nah: „Ich fahre jeden Tag zur Schule und zum Kindergarten. Ich verliere fast meinen Job, weil ich jeden Tag 60 oder sogar 90 Minuten mehr brauche. Ich bin seit elf Jahren in Deutschland, ich arbeite, ich zahle Steuern. Und ich werde in Deutschland bestraft, weil ich arbeite. Die Kinder verstehen das nicht. Ich will meine Kinder aus der Situation heraushaben. Ich schlafe teilweise im Auto mit meinen drei kleinen Kindern. Ich habe keinen Platz zum Schlafen, weil wir mit drei Familien unter einem Dach wohnen. Mein Chef versteht das eine Woche, aber die Woche ist um und jetzt sagt er ‚Ali, ich kann das nicht mehr verstehen‘.“

„Intown hat uns das eingebrockt“

Hier greift der Oberbürgermeister Sierau wieder ein: „Wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, nicht zu räumen, hätten wir nicht geräumt. Aber wir waren rechtlich dazu gezwungen, das zu tun. Und die Tatsache, das Intown letzte Woche einen Gutachter losgeschickt hat, zeigt das auch. Greifen Sie bitte nicht uns an, sondern Intown. Die haben uns das hier eingebrockt. Ich kann verstehen, dass Sie die Kappe mit drei Kindern so aufhaben. Wir sind hier, weil wir mit Ihnen zusammen, die ganze Sache abarbeiten wollen.“

Eine weitere Mieterin meint: „Die Stadt hat uns alle auf die Straße gesetzt: Wir wollen wissen, wann wir in Ersatzwohnungen unterkommen. Wann kriegen wir die? Wann sind die bezugsfähig?“ Die Antwort von Süshardt: „Es gab über 60 Wohnungen, jetzt haben wir noch 14 frei. Aber es kommen täglich welche dazu.”

„Warum zieht man den Vermieter nicht richtig zur Rechenschaft?“ möchte ein junger Ex-Hannibal-Bewohner wissen. „Verbrecher von Intown!“ Applaus dröhnt in der Halle. „Zur Not muss dieses Unternehmen enteignet werden.“ Mehr Applaus. „Das geht gar nicht was dieses Unternehmen macht.“ Noch mehr Applaus.

Das Hannibal in Dorstfeld musste aus Brandschutzgründen geräumt werden. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

Das ist ein Härtefall ohne Ende

Und Sierau gesteht: „Sie haben das ausgesprochen, was uns gelegentlich auch durch den Kopf geht. Die Emotionen kann ich sehr, sehr gut nachvollziehen. Wir finden auch keinen, der uns darum beneidet, das hier durchzuziehen. Das ist ein Härtefall ohne Ende diese ganze Notlage hier.“ Und auch Sierau erntet Applaus. „Ich kann das ja auch nicht ertragen, dass er hier mit seinen Kindern in der Gegend herumschläft“, sagt Sierau und zeigt auf den Vater der drei kleinen Kinder.

Die Frage „wann kann ich zurück“ kann nur der Eigentümer beantworten. „Zu dem Thema kann wirklich belastbar nur der Eigentümer etwas sagen. Er hat sich durch das Gutachten ein Bild gemacht. Wir können ein Wohnen erst wieder zulassen, wenn die Brandschutzmängel behoben sind. Dafür braucht es seine Zeit. Aber die Zeit, die es benötigt, kann Intown nur selbst sagen“, erklärt Wilde.

Weiter stellt er klar: „Das hängt vom Engagement des Eigentümers ab. Was ich Ihnen zusage: an dieser Frage haben wir ein hohes Interesse. Wir haben ein hohes Interesse daran, dass Gebäude wieder als Wohnraum nutzen zu können. Sobald ich da eine belastbare Antwort habe, sind sie die ersten die die Antwort haben.“

Oberbürgermeister Ullrich Sierau kündigte für nächsten Montag, 16. Oktober um 16.30 Uhr, eine weitere Informationsveranstaltung an. Sie findet erneut in der DASA, Stahlhalle, Friedrich-Henkel-Weg, Dorstfeld, statt Alle Infos zum Hannibal findet ihr unter www.hannibal.dortmund.de. Betroffene können auch eine E-Mail an diese Adresse schicken: hannibal@dortmund.de

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