Donnerstag, 19. Oktober 2017

Bei den Bewohnern des evakuierten Hannibals brodelt es innerlich. Das wurde einmal mehr bei der kurzfristig organisierten Bewohnerversammlung in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (Dasa) am Montagnachmittag (2. Oktober) deutlich. Zwischenzeitlich schien die Veranstaltung zu eskalieren, ein Anwohner drohte mit Hungerstreik.

Gut drei Wochen ist es jetzt her, dass 800 Bewohner der 450 Wohnungen im Dorstfelder Wohnkomplex Hannibal ihre Wohnungen aufgrund von akuter Brandgefahr von heute auf morgen verlassen mussten. Der Frust sitzt seitdem bei vielen Einwohnern tief. Viele fühlen sich von der Stadt nicht gut informiert und nur schlecht betreut.

Zur Versammlung der Bewohner des evakuierten Hannibals kamen etwa 100 Besucher. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Kein Wunder also, dass das Pulverfass bei der kurzfristig einberufenen Bewohnerversammlung am Montag in der Dasa explodierte. Viele Bewohner kamen mit Plakaten, auf denen sie ihren Unmut zum Ausdruck brachten. „Wir sind Menschen, keine Verbrecher“, „Wir sind obdachlos“ oder „Wo sind unsere Rechte?“ stand darauf.

Bewohner hatten Fragen über Fragen

Auf dem Podium versuchten unterdessen Baudezernent Ludger Wilde und Oberbürgermeister Ullrich Sierau die Wogen der aufgebrachten Hannibal-Bewohner zu glätten. Denn diese hatten Fragen über Fragen mitgebracht, jede mit einem individuellen Einzelschicksal verbunden.

Viele Fragen hätte Vermieter Intown sicherlich besser klären können, als die Vertreter der Stadt. Doch das Wohnungsunternehmen ließ sich beim Bürgernachmittag nicht blicken. Sie bereitet eine Klage gegen die Stadt vor, findet die Evakuierung des Hannibals unrechtmäßig. Immerhin: Zwischen Stadt und Intown gibt es wieder Gespräche – was einige Anwohner am Montag jedoch wenig zu interessieren schien. Sie forderten immer wieder lauthals schnelle Lösungen, wollten Fakten statt lang ausformulierte Erklärungsansätze der Stadt.

Mit Plakaten ausgestattet kamen die Bewohner des Hannibals in die Stahlhalle der Dasa. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Zwischenzeitlich drohte die ohnehin aufgeheizte Stimmung zu kippen, als ein Bewohner androhte, ab Dienstag (3. Oktober) mit 35 weiteren Bewohnern in den Hungerstreik zu treten. Wie ernst er das meinte, ist allerdings unklar. Auf Anfrage stellte er klar, dass er das durchziehen wolle, auch mit einigen Kindern. Ullrich Sierau und Co schien der Ankündigung allerdings nur wenig Interesse entgegenzubringen.

Die Vertreter der Stadt unterdessen waren darum bemüht, die Situation nicht eskalieren zu lassen. „Ich möchte mich bedanken, dass Sie trotz dieser Scheiße, die Ihnen widerfahren ist, so vernünftig bleiben. Wir wollen, dass sie ohne großen Schaden wieder da raus kommen“, stellte Oberbürgermeister Ullrich Sierau gegenüber den ruhiger agierenden Einwohnern klar.

Mieterverein will helfen

Rainer Stücker vom Mieterverein Dortmund warnte die Einwohner unterdessen, keine von Intown vorgelegten Verträge zu unterschreiben. Er verwies darauf, dass alle Anwohner einen gültigen Mietvertrag und damit einen Rechtsanspruch hätten, eines Tages in die Wohnung zurückkommen. „Wer raus will, kann fristlos kündigen. Und der Vermieter ist schadenersatzpflichtig“, so Stücker.  Man müsse jetzt keine Miete mehr zahlen, habe Anspruch, auf eine richtige Wohnung – und keine Sammelunterkunft. Auch Rechnungen von Strom-, Gas- oder Internetanbietern müssten nicht unbedingt bezahlt werden, da sich viele Anbieter wie 1&1 angesichts der Situation kulant zeigten.

Das Hannibal in Dorstfeld ist für unbestimmte Zeit unbewohnbar. Foto: Nadja Lucas/Dortmund24

Nach fast drei Stunden intensiver Diskussion kam es am Ende aber dann doch noch zu einigen Lösungen und Erkenntnissen seitens der Stadt – trotz der vielen, zum Teil hitzigen – Diskussionen. Das sind sie:

  • Die Stadt will sich bemühen, Betroffenen Ersatzwohnungen anzubieten, die beispielsweise nicht in Gelsenkirchen oder Duisburg liegen. „Es ist aber auch klar dass diese Wohnungen nicht immer in der Nähe des Hannibals liegen, sondern manchmal auch in anderen Stadtteilen“, so Baudezernent Ludger Wilde.
  • Für Menschen, die in Notunterkünften wie der Körnig-Halle untergebracht sind, will die Stadt Verpflegung (etwa Essen auf Rädern) bereitstellen. Viele Betroffene klagten darüber, sie könnten sich in den Sammelunterkünften nur schlecht selbst versorgen.
  • Die Stadt will die Kosten für Taxifahrten von der Ersatzwohnung zum Kindergarten oder zur Schule übernehmen, später dem Vermieter Intown in Rechnung stellen.
  • Anwohner, sollen künftig mehr Zeit bekommen, ihre Wohnungen für einen Umzug auszuräumen. Am Wochenende soll es möglich sein, bis 22 Uhr in der Wohnung zu Packen.
  • Post kommt ab sofort wieder am Hannibal an, Geld für eingeleitete Nachsendenanträge werden von der Stadt erstattet.
  • Die Stadt kann nicht sagen, wann Einwohner wieder in den Wohnkomplex Hannibal einziehen können. Das könne man erst sagen, sobald der Vermieter Intown geklärt habe, wie das Haus saniert wird.
  • Einwohnern ist es rechtlich nicht gestattet, ihre Wohnung auf eigene Gefahr zu betreten.

Info: Am kommenden Montag (9. Oktober) soll es in der Dasa (Friedrich-Henkel-Weg 1-25, 44149 Dortmund, Stahlhalle) um 16.30 Uhr wieder eine Bürgerversammlung geben. Die Stadt richtet in der Zwischenzeit eine zentrale Email-Adresse für Betroffene ein. Sie lautet: Hannibal@dortmund.de und ist ab dem 3. Oktober um 8 Uhr freigeschaltet. Außerdem will die Stadt unter hannibal.dortmund.de eine zentrale Webseite mit allen Infos zur Situation am Hannibal einrichten.

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