Donnerstag, 14. Dezember 2017

Gut neun Monate nach der Gas-Explosion von Hörde mit einem Todesopfer wollen die Richter am 20. Dezember das Urteil sprechen. Stefan T. wird vorgeworfen, die Gas-Explosion verursacht zu haben. Die zentrale Frage lautet: War der Angeklagte schuldfähig? Das Gutachten des Psychiaters Bernd Roggenwallner legt das Gegenteil nahe.

Der Knall war bis in die umliegenden Stadtteile zu hören, als Ende März eine Gas-Explosion in der Teutonenstraße Hörde erschütterte. Die Wucht der Detonation ließ das Dach und das Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses einstürzen. In den Trümmern starb eine 36-jährige Bewohnerin. Seit Mitte September beschäftigt der Fall das Dortmunder Schwurgericht. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Stefan T. die Explosion absichtlich herbeigeführt hat.

Die Wucht der Explosion an der Teutonenstraße in Hörde ließ Teile des Hauses durch die Luft flegen. Das Foto ist nur wenige Stunden nach der Detonation entstanden. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Inzwischen liegt auch das Gutachten des Psychiaters Bernd Roggenwallners vor. Der Sachverständige analysierte die Krankengeschichte von Stefan T. bis weit in die 80er-Jahre hinein. So verschaffte sich Roggenwallner ein Bild von Stefan T., das besser verstehen lässt, wie es zu dem Drama von Hörde kommen konnte.

Demnach habe der Angeklagte bereits in den 80er-Jahren unter Wahnvorstellungen und Psychosen gelitten. 1986 habe sich Stefan T., so Roggenwallner, in Behandlung in die Psychiatrie von Aplerbeck begeben. “Dieser Mann ist seit weit über 30 Jahren krank”, sagt der Psychiater über Stefan T. Der Angeklagte hätte vor allem unter Verfolgungswahn gelitten, habe sich durch seine Nachbarn in der Teutonenstraße beeinträchtigt gefühlt.

20 Aufenhalte in Psychiatrien

Die Krankengeschichte Stefan Ts. geht allerdings weit über die Episoden in der Psychiatrie hinaus. So habe er laut Roggenwallner in den vergangenen Jahren viele Termine bei verschiedensten Ärzten gehabt, diese aber oft nicht eingehalten. Er habe sich Gastro- und Koloskopien unterzogen, aber die Befunde unbeachtet bei Ärzten liegen gelassen. Dazu kamen um die 20 Aufenthalte in den Psychiatrien in Aplerbeck und Lütgendortmund und Behandlungen bei drei Nervenärzten.

Bis 2014 sei er auch regelmäßig mit Anti-Psychotika behandelt worden. Ärzte setzen diese Arzneistoffe in der Regel zur Behandlung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen ein, die bei psychischen Störungen wie etwa der Schizophrenie oder Manie auftreten können. Des Weiteren werden sie auch als Beruhigungsmittel verwendet, etwa bei Nervosität, Unruhe, Angst oder Erregung.

Kurz nach der Explosion an der Teutonenstraße sammeln sich erste Einsatzkräfte, um nach vermissten Personen zu suchen. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

2014 kam es dann zu einem Streit zwischen Stefan T. und seinen Ärzten. T. sollte auf ärztlichen Rat seine Anti-Psychotika als Depotpräparat nehmen. Dabei handelt es sich um die Verabreichung des Wirkstoffs über eine Spritze. Der injizierte Wirkstoff bleibt somit im Muskelgewebe gespeichert und wird von dort langsam in den Blutkreislauf abgegeben. Der Effekt: Das Medikament muss so nur alle paar Wochen genommen werden. “Herr T. wollte diese Spritze nicht, war plötzlich der Meinung, er bräuchte gar kein Anti-Psychotikum mehr”, berichtet Roggenwallner. Zwei Klinikaufenthalte Anfang 2017 brach der 49-Jährige in der Folge gegen ärztlichen Rates ab.

Gefängnis oder Forensik?

Die Folge: T. wurde aggressiver, die Wahnvorstellungen wurden heftiger. Anfang dieses Jahres endete das mit einem zerstörten Stromkasten im Haus an der Teutonenstraße. Jenes Haus, das Ende März durch eine Gas-Explosion in die Luft fliegen sollte.

Jetzt ist es an den Richtern, das richtige Urteil zu finden. Gefängnis oder Forensik? Hört man die Ausführungen des Psychiaters Bernd Roggenwallner, scheint die Sache klar.

Info: Stefan T.  wird beschuldigt, am 31. März 2017 am Herd in seiner Küche ein Gasrohr entfernt und anschließend eine Flamme entzündet haben. T. selbst wurde bei der Explosion schwer verletzt und danach monatelang im Gefängniskrankenhaus behandelt. Vor Gericht muss er sich wegen Mordes verantworten. Nach der Explosion wurde eine 36-jährige Krankenschwester in ihrem Bett von herabfallenden Trümmern überrascht. Sie erstickte und wurde am Tag nach der Katastrophe von den Rettungskräften tot geborgen.

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