Sonntag, 20. August 2017

Kiffen auf Rezept? Kaum ein Thema polarisiert derzeit so sehr in der Medizin wie der Gebrauch von Cannabis. Ein Dortmunder Arzt drückt jetzt auf die Euphorie-Bremse.

Seit Beginn des Jahres ist es per Gesetz erlaubt, Cannabis auf Rezept zu bekommen. So ist es als Therapiemittel Schmerzpatienten leichter zugänglich. Der Direktor der Klinik für Schmerzmedizin am Klinikum Dortmund, Dr. Carsten Meyer, bezeichnet die aktuelle Studienlage allerdings als „ernüchternd“. „Es gibt wenig gute Studien über die Wirksamkeit von Cannabis, aber so viel kann sicher gesagt werden: Cannabis ist kein Wundermittel“.

Dr. Carsten Meyer, Direktor der Klinik für Schmerzmedizin am Klinikum Dortmund. Foto: Klinikum Dortmund
Dr. Carsten Meyer, Direktor der Klinik für Schmerzmedizin am Klinikum Dortmund. Foto: Klinikum Dortmund

Dementsprechend warnt der Mediziner vor allzu hohen Erwartungen. „Cannabis kann die bisherigen schmerzmedizinischen Ansätze nicht ablösen, wohl aber sicherlich ergänzen.“ Insbesondere bei Nervenschmerzen nach Verletzungen oder Diabetes Mellitus gäbe es nur wenige Hinweise auf einen positiven Einfluss von Cannabis. Am besten wirkten Cannabinoide noch bei Schädigung bzw. bei Erkrankungen des Rückenmarks, die mit und ohne Spastiken auftreten.

„Erwarte von Mittel mehr“

„Muskelschmerzen inklusive Erkrankungen wie Fibromyalgie reagieren selten bis gar nicht auf die Einnahme von Cannabis. Somit bleibt die Therapie mit Cannabis Einzelfällen vorbehalten. Sie sollten mit dem behandelnden Arzt sorgfältig abgewogen werden“, mahnt Meyer.

Statistiken zufolge wirke Cannabis bei gerade einmal jedem 10. bis 14. Patienten. „Da erwarte ich von einem Mittel schlichtweg mehr, wenn es als Wundermittel in der Öffentlichkeit diskutiert wird“, so Meyer.

Ein Schmerzpatient dreht sich eine Cannabis-Zigarette, zu der auch gewöhnlicher Tabak gehört. Die Cannabis-Pflanzen zieht er selbst in in einem speziellen Schrank in seiner Wohnung. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, dass Cannabis-Pflanzen, die von Schwerkranken zur Selbsttherapie in den eigenen vier Wänden angebaut werden, unter bestimmten Voraussetzungen nicht von der Polizei beschlagnahmt werden dürfen. Foto: dpa

Entscheide man sich für eine Therapie mit Cannabis, gäbe es die Möglichkeit der Einnahme von Blüten bzw. der Verschreibung von Fertigpräparaten. Wobei die Fertigpräparate vorzuziehen seien. Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungen sowie die Kalkulierbarkeit seien bei diesen einfach besser.

Auch bei kontrolliertem Anbau unterlägen die Blüten einer wesentlich stärkeren Konzentrationsschwankung. Des Weiteren seien einige Nebenwirkungen wie Herz-Rhythmus-Störungen, Abhängigkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen zu beachten.

Cannabis nicht besser als andere Schmerzmittel

Somit, so das Fazit des Schmerzmediziners, sei Cannabis im Kosten-Nutzen-Vergleich im Gegensatz zu allen anderen Schmerzmedikamenten nicht überzeugend besser.
„Die Anwendung ist im Einzelfall zu diskutieren, kann zum aktuellen Zeitpunkt aber nicht als Wendepunkt der Schmerzmedizin gesehen werden“, fasst Meyer zusammen.

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