Montag, 16. Juli 2018

Die Dortmunder Politikerin Celine Erlenhofer ist die attraktivste Bundestagskandidatin 2017. Das hat der Düsseldorfer Soziologe Ulrich Rosar ermittelt. Und er hat festgestellt: Schönheit kann den Wahlerfolg beeinflussen. In Erlenhofers Fall ist das allerdings einigermaßen daneben gegangen.

Wer gut aussieht, bekommt bessere Jobs. Gut aussehende Verkäufer erzielen höhere Umsätze. Und auch in der Politik gilt offenbar: Wer attraktiv ist, gewinnt. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie aus der Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf, die der Soziologe und Attraktivitätsforscher Professor Ulrich Rosar in einer Untersuchung herausfand. Untersucht wurde darin das Aussehen der 1786 weiblichen und männlichen Direkt- und Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl 2017.

Attraktivität spielt größere Rolle


Das Ergebnis der Untersuchung: Im Vergleich zu den Wahlen 2002 bis 2013 hatte die Attraktivität bei den Wahlen 2017 den bislang größten Einfluss. Im Extremfall könne ein Kandidat mit hoher Attraktivität fünf Prozentpunkte mehr bei den Erststimmen gewinnen, bei den Zweitstimmen bis zu drei Prozentpunkte, sagt Rosar. Auch die Wahlbeteiligung in einem Wahlkreis erhöhe sich, je attraktiver die Kandidaten im Durchschnitt sind.

Am Anfang der Studie stand eine Art Schönheitswettbewerb: Zwölf Frauen und zwölf Männer begutachteten als Testpersonen komplett anonymisierte Fotos aller Kandidaten. Die Dortmunder Politikerin Celine Erlenhofer (Linke) schnitt dabei am besten ab. Die 19-jährige Kandidatin der Linken darf sich nach der Studie als „schönste Bundestagskandidatin“ 2017 bezeichnen. Ihr männliches Pendant ist Jan Ralf Nolte (AfD) aus dem hessischen Waldeck.

Celine Erlenhofer war Kandidatin für den Bundestag. Sie trat für die Dortmunder Linke an, konnte aber keinen Platz in Berlin gewinnen. Foto: Die Linke Dortmund

Jan Ralf Nolte (AfD) ist das männliche Gegenstück zu Celine Erlenhofer. Er ist laut Studie der Uni Düsseldorf der schönste Bundestagskandidat 2017. Foto: dpa

Doch ausgerechnet in Celine Erlenhofers Fall war das gute Aussehen am Ende aber kein Garant für den Einzug in den Bundestag. Erlenhofer holte nur 8,6 Prozent der Erststimmen im Wahlkreis Dortmund II, während die SPD-Kandidatin Sabine Poschmann den Wahlkreis mit fast 40 Prozent gewann, gefolgt von Steffen Kanitz von der CDU mit 28,1 Prozent. Erlenhofer landete bei der Bundestagswahl allerdings vor der Grünen-Kandidatin Ingrid Reuter und Sven Görgens von der FDP.

Lindner und Wagenknecht attraktivste Spitzenkandidaten

Übrigens: Von zehn prominenten Spitzenkandidaten landete Sahra Wagenknecht (Linke) als attraktivste Politikerin auf Platz eins. Sie kam auf der von 0 (sehr unattraktiv) bis 6 (sehr attraktiv) reichenden Skala auf einen Wert von etwa 4. Zweiter wurde Lindner mit 3,4 und Dritte Alice Weidel (AfD) mit 3,25 – beide also eher mittelschön. Schlusslicht ist Alexander Gauland (AfD) mit nur 0,54 Punkten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt auf Rang neun mit einem Wert von etwa 1 und SPD-Chef Martin Schulz auf Platz acht mit 1,67 – also eher unattraktiv.

Christian Lindner (FDP) wurde in der Studie zum schönsten Spitzenkandidaten gekürt. Foto: dpa

Sahra Wagenknecht (Linke) ist laut Studie der Uni Düsseldorf die attraktivste Spitzenkandidatin für den deutschen Bundestag. Foto: dpa

Attraktivität ist laut Rosars Studie nur die zweitwichtigste Personeneigenschaft bei der Wahlentscheidung – nach dem Bekanntheitsgrad. Am allerwichtigsten sei für die Wähler zudem immer noch die Parteizugehörigkeit. Hier setzt auch die Kritik des Politologen Oskar Niedermayer an der Studie an.

Kritik an der Studie

Bei Wahlentscheidungen spiele die Attraktivität nur eine begrenzte Rolle, sagt Niedermayer. Nach Sachkompetenz, Glaubwürdigkeit und Führungsqualität eines Kandidaten stehe die persönliche Sympathie laut Wahlforschung nur an vierter Stelle. Außerdem vergäben die meisten Wähler Erst- und Zweitstimme an dieselbe Partei. Würden die Stimmen gesplittet, dann nicht, weil ein Kandidat so schön sei, sondern weil der Wähler taktisch wähle und seine Stimme nicht an einen aussichtslosen Kandidaten verschenken wolle.

Dass nur 24 Tester die Kandidaten-Fotos begutachteten ist für die Wissenschaft indes kein Problem, denn es gibt den „Attraktivitätskonsens“. „Wir wären uns alle einig, dass George Clooney deutlich besser aussieht als Woody Allen“, sagt Rosar. So hätten Psychologen herausgefunden, dass etwa ein konturiertes Kinn und wohldefinierte Lippen bei Männern sowie hohe Wangenknochen bei Frauen als attraktiv gelten. Außerdem gilt: Jugend ist schöner als Alter, und Männer werden im Vergleich zu Frauen als unattraktiver beurteilt. Persönliche Präferenzen und Antipathien spielten bei der Bewertung dagegen so gut wie keine Rolle.

Auch der Attraktivitätsforscher Martin Gründl, Professor für Wirtschaftspsychologie, sieht die Studie skeptisch. „Auch der französische Präsident Emmanuel Macron und der österreichische Kanzler Sebastian Kurz sehen gut aus, keine Frage“, sagt Gründl. „Aber es gibt viele Politiker, die nicht gut aussehen und trotzdem erfolgreich sind oder waren – von Merkel bis Helmut Kohl.“

Nicht so hübsch wie Celine Erlenhofer aus Dortmund, dafür aber Kanzlerin und mächtigste Politikerin der Welt: Angela Merkel. Foto: dpa

Rosar will mit seiner Studie die Wähler dafür sensibilisieren, sich nicht vom Äußeren der Kandidaten (ver)leiten zu lassen. Das sei gerade angesichts abnehmender gesellschaftlicher Konflikte und der wachsenden Wechselbereitschaft der Wähler wichtig. Da es immer weniger verlässliche Informationen zu komplexen politischen Themen gebe, ließen sich Wähler verstärkt von „Sympathie“ oder „Attraktivität“ der Kandidaten beeinflussen, sagt Rosar. „Wir wollen nicht, dass Politik immer mehr zum Schönheitswettbewerb wird.“ (mit dpa-Material)

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