Sonntag, 25. Februar 2018

62 statistische Bezirke gibt es in Dortmund. Und jeder Einzelne hat seine Besonderheiten. In Hörde den Phoenix See, in Aplerbeck das Rathaus und in Derne? Genau diese Frage versuchen Susanne Linnebach und ihr Team zu beantworten. Die Abteilungsleiterin vom Amt für Wohnen und Stadterneuerung steht Dortmund24 Rede und Antwort.

Dortmund24: Frau Linnebach, warum eigentlich Derne?

Susanne Linnebach: Also wir saßen vor etwa zwei Jahren  in den Gebäuden der Industriedenkmalstiftung im nördlichen Maschinenhaus der Gneisenau-Zeche. Da haben wir überlegt, dass man von diesen denkmalgeschützten Objekten ausgehend eine sehr positive Entwicklung für Derne erzeugen könnte. Deshalb Derne. Wir haben uns Derne dann genauer angeschaut und eine Quartiersanalyse durchgeführt. Da haben wir gesehen, es gibt viele Dinge, die sehr positiv sind. Es ist ein grüner Stadtteil, ich habe viel Infrastruktur, es gibt Spielplätze, ich habe Schulen. Aber es gibt auch Einiges, was man durchaus verbessern könnte. Und da möchten wir gerne ansetzen und deshalb haben wir ein Handlungskonzept geschrieben. Wir nennen das gerne Stadterneuerungskonzept, weil man da vielleicht mehr mit anfangen kann.

Das Amt für Wohnen und Stadterneuereung untersucht Leerstandszahlen, Sozialdaten, Arbeitslosenzahlen und Anzahl der Transferhilfeempfänger (Wohngeld, etc.). So werden Stadtteile mit Defiziten gefunden. Ein Defizit ist immer dann vorhanden, wenn der Stadtteil seinem Anspruch als Versorgungszentrum nicht mehr gerecht wird, also keine gute Lebensqualität bietet. Hier schreitet das Amt stabilisierend ein.

In Derne ist das der Fall und deshalb greift die Stadt jetzt ein. Vor allem sieht das Amt vergeudetes Potenzial.

Zuerst werden die Einwohner gefragt, was sie an ihrem Stadtteil ändern würden. In Derne fand das im Rahmen des Nordwärts-Projektes statt. Die Ideen aus dieser Beteiligungsveranstaltung wurden dann analysiert und zum Teil mit in das Konzept aufgenommen.

Außerdem hat die Stadt eine Quartiersanalyse erstellt, bei der die Derner Fragebögen ausfüllen mussten. Außerdem hat es Einzelinterviews mit Experten aus der Verwaltung, Politik oder auch den Schulen gegeben. Aus all diesen Einzelstücken entsteht dann das Stadterneuerungskonzept, dass man hier nachlesen kann. 

Dortmund24: Was hat denn die Quartiersanalyse genau ergeben?

Susanne Linnebach: Unsere Erkenntnisse waren, dass das Erscheinungsbild von Derne nicht optimal ist und dass sich da auf jeden Fall was tun muss. Das bezieht sich auf die öffentlichen Räume, sprich den Straßenzustand, die Grünflächen. Ganz viele haben gesagt, die Verbindung ist sehr schlecht zwischen der ehemaligen Zeche Gneisenau und dem Stadtteil. Und das ist eigentlich schade. Ganz viele Personen haben sich ein Begegnungszentrum für den Stadtteil gewünscht, an dem man sich treffen kann, auch generationsübergreifend. Das waren so die Hauptpunkte.

Derne Zeche Gneisenau
Die Zeche Gneisenau. Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Was wir noch mal gesagt haben: Auch die Eigentümer müssten unterstützt werden, weil die Fassaden nicht in so einem guten Zustand sind. Und deshalb haben wir jetzt auch noch mal gesagt, dass es Beratungsleistungen seitens der Stadt geben soll. Und gegebenenfalls auch finanzielle Mittel, um die Eigentümer zu unterstützen.

Was die Leute aber auch gesagt haben: Wenn man in Derne lebt, dann ist es hier eigentlich ganz schön. Aber der Stadtteil wird von außen ganz anders wahrgenommen, gar nicht so positiv. Der ist in den Köpfen der Leute noch so als Zechenstandort verankert. Obwohl die Zeche ja schon lange geschlossen ist. Man verbindet das aber trotzdem mit Zeche und Industrie. Wir müssten also eigentlich eine Imagekampagne starten, dass es in Derne nicht so schlecht ist.

Fassaden aus einem Guss: Wird so das “neue” Derne?

Dortmund24: Es gibt ja sehr viele alte Häuser in Derne aus der Gründerzeit und dem Jugendstil. Was kann beispielsweise die Idee des Fassadenprogramms für den Stadtteil leisten?

Susanne Linnebach: Die Eigentümer erhalten von der Stadt einen finanziellen Zuschuss zur Sanierung der Fassaden, aber auch zu einer Fassadenbegrünung, einer Dachbegrünung oder einer Hofgestaltung. Das heißt, wenn ich meine Fassade farblich gestalte oder sogar mit Licht gestalte, dann kann ich 50 Prozent der Kosten erstattet bekommen. Das ist aber abhängig von der Fassade.

Dortmund24: Gibt es denn ein Konzept in welche Richtung das gehen soll?

Susanne Linnebach: Wir wollen in Derne auch gerne den Quartiersarchitekten damit beauftragen, Gestaltleitlinien zu entwickeln. Wobei das ist vielleicht das falsche Wort. Aber Ideen, wie sich das Ortsbild entwickeln kann. Also so markante Punkte wie den Kreisverkehr am Ortseingang. Wir haben aber in den meisten Quartieren keine Gestaltleitlinien, aber wir beraten die Eigentümer dahingehend, dass sie auch Farben nehmen, die sie auch in fünf Jahren noch attraktiv finden.

Sauberkeit und Gemeinschaft – das sind die Wünsche der Einwohner

Dortmund24: Die Bewohner finden laut Befragung ihren Stadtteil nicht sauber. 52,6 Prozent der Befragten haben gesagt, es ist nicht oder nur teils/teils sauber. Woran liegt das?

Susanne Linnebach: Ich finde, da kommt häufig eins zum anderen. Manchmal ist es wirklich nicht sauber, dann liegen irgendwelche Werbeblättchen oder Zeitschriften auf der Straße. Dann muss man versuchen über den Kontakt mit dem Entsorger da was zu machen oder über eine Ansprache der Bewohner. Ich finde, manchmal hängt das aber auch mit dem Erscheinungsbild einer Straße und mit dem öffentlichen Raum zusammen. Also wenn das Straßenbild und die Fassaden sauber sind, haben die Menschen größere Hemmungen, ihren Müll auf die Straße zu werfen und geben auch mehr Acht auf die Umgebung. Und ich hoffe auch, dass das passiert, wenn der Stadtteil eine Erneuerung hinter sich hat. Aber das ist ein langer Prozess.

Dortmund24: Die Derner haben sich in der Befragung ein Stadtteilquartier gewünscht. In welcher Form könnte das gestaltet werden?

Susanne Linnebach: Erstmal stellen wir uns das so vor, dass das in den denkmalgeschützten Gebäuden passiert. Wir haben uns das Fördermaschinenhaus Nord ausgeguckt mit der Denkmalstiftung und das soll ein Erlebnis- und Begegnungsort sein, auch mit außerschulischem Lernort. Teilweise wird das schon bespielt durch den Förderkreis der Zechenkultur. Wie das aber genau aussehen soll, das muss noch erarbeitet werden.

Dortmund24: Wie kann so ein Ort die Strahlkraft nach außen erhöhen?

Susanne Linnebach: Der Begegnungsort, der ist tatsächlich eher was für die Menschen, die dort leben. Das ist auch unser Ansatz. Die Strahlkraft nach Außen entwickelt das Projekt eher dadurch, die Lebensqualität steigt und das tragen die Leute dann nach außen. So dass auch der Hörder mitkriegt – in Derne, da tut sich aber was ganz Positives. Hörde ist übrigens genau aus so einer Situation heraus gekommen. Durch so ein großes Projekt wie den Phoenix See bekommen die Stadtteile einen Riesen-Push. Und in Derne wollen wir das im Kleinen auch gerne machen, indem wir die Zechengebäude anders inszenieren. Und das bedeutet, wir müssen eine Nutzung darein bringen und die denkmalgerecht sanieren.

Beim Dortmund24-Stadtteilspaziergang in Derne hat Autorin Sandra keinen positiven Eindruck vom Stadtteil bekommen. Einige Leser und auch die Stadt kritisierten das. Hier könnt ihr die Geschichte noch einmal nachlesen.

Derne
Foto: Sandra Schaftner/Dortmund24

Dortmund24: Man sagt, dass jeder von der Stadt investierte Euro eine private Investition von circa sieben Euro nach sich zieht. Womit können wir in Derne rechnen?

Susanne Linnebach: Da können Sie mich auf eine Zahl nicht festnageln. Alleine durch unser Fassadenförderprogramm stoßen wir eine Vielzahl privater Investitionen an. Wenn die Eigentümer die Fassade machen, machen sie häufig auch noch andere Investitionen. Wir haben das damals im Unionviertel ganz stark gesehen, als der U-Turm noch Brauerei-Gebäude war. Als wir den Förderbescheid für den U-Turm dann erhalten haben, haben ganz viele Eigentümer gesagt: Jetzt investieren wir auch selber in unsere Immobilie oder dass auch Investoren aufmerksam geworden sind und Flächen kaufen wollten. Öffentliche Investitionen führen zu verbessertem Ortsbild, zu verbesserter Infrastruktur und heben tatsächlich Investitionshemnisse auf. Und das führt auch dazu, dass dann der Glaube ans Quartier zurückgewonnen wird.

Sechs Millionen sollen in Derne investiert werden

Dortmund24: Wie teuer wird die Erneuerung von Derne für die Stadt Dortmund?

Susanne Linnebach: Insgesamt planen wir mit sechs Millionen Euro, davon bekommen wir aber bis zu 70 Prozent von Bund und Land gefördert. Die Quote wird aber jedes Jahr neu ermittelt. Und das ist immer abhängig von der Haushaltssituation der Stadt.

Dortmund24: Wann geht es denn los?

Susanne Linnebach: Wir müssen die einzelnen Maßnahmen noch weiter qualifizieren und das braucht noch Zeit. Deshalb werden wir auch erst 2020 anfangen. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt nichts tun, die vorbereitenden Maßnahmen laufen jetzt an. Los geht es schon 2018 mit der Sanierung der Altenderner Straße, die aber nicht vom Amt für Wohnen und Stadterneuerung betreut wird, sondern vom Tiefbauamt. Außerdem starten die Maßnahmen der Industriedenkmalstiftung. Es soll aber immer was passieren, das ist wichtig. Deshalb stehen da schon 2019 Maßnahmen an. Die brauchen aber unser Konzept, um selbst Förderungen zu beantragen. Im Idealfall kommen zu unseren sechs Millionen Euro dann noch acht Millionen der Denkmalstiftung. Aber das ist bisher nur die Planung, es gibt noch keine Förderzusage.

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