Samstag, 21. Oktober 2017

Wer sich gruseln will, sollte das Brückcenter besuchen. Das Einkaufszentrum im Brückviertel ist vom Leerstand gezeichnet, seit Jahren scheint es vor sich hin zu rotten. Stadt und Ladenvermieter wollen sich dagegen stemmen. Noch aber ist die Zukunft ungewiss.

Früher, da war im Brückcenter alles besser. Jedenfalls zeugen Erzählungen davon. Ein Hort der Subkultur sei das kleine Einkaufszentrum an der Brückstraße gewesen. Titus, Trashmark, Outcast Records, Oma Rock gab es dort. Das waren andere Zeiten.

Im August 2017 ist von Subcultur nicht mehr viel übrig im Brückcenter. Einzig das Tattoostudio “Damn Deep” zeugt von einer wilden Vergangenheit. Seit etwa 16 Jahren, so genau weiß er das nicht, hat Yves Kobes hier sein kleines Studio. Viele gute Worte verliert er aber nicht mehr über die Ecke, in der er arbeitet. “Das ganze Brückviertel, wie es mal war, gibt es leider nicht mehr – nur noch Fressbuden, statt Szeneläden”, ärgert sich der Künstler.

Kulisse für einen Horrorfilm? So sieht es aktuell im Brückcenter aus. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Die obere Etage des Brückcenters hat Kobes für sich allein. Letztes Überbleibsel aus vergangenen Zeiten sind zwei Stühle aus der Ära, in der es noch das Café Oma Rock gab. Ansonsten: grau-blau genoppter Plastikboden, grau-silbernes Geländer, ein paar welke Zimmerpflanzen. Das Frankensteinbild an der Tür zum Tattoo-Studio passt irgendwie in die Gruselatmosphäre.

Viele Ladenlokale leer

Im Erdgeschoss sieht es nicht viel besser aus. Bis auf vier Läden stehen alle Ladenlokale im Brückcenter leer. Es gibt einen Friseur, ein Nagelstudio, ein Schuhgeschäft – und Yves Kobes mit seinem Tattoostudio.

Tai Vu Trong betreibt seit acht Jahren den Laden “CaliforNails”, verpasst den Damen mit seinen Mitarbeiterinnen fesches Fingerdesign. Seine Kundschaft käme über Mund-zu-Mund-Propaganda in seinen Laden. Draußen vor dem Center steht ein Schild, auf dem er auf sein Geschäft aufmerksam macht. “Wir würden uns natürlich über mehr Nachbarn freuen”, sagt er. Friseurin Olivia Immecke sieht das genau so: “Es ist furchtbar, es gibt kaum Laufkundschaft”, sagt sie – und dann sind da noch die Mieten. Viel zu hoch seien sie, ist ihre Meinung.

Die Brückstraße verkommt zur Fressmeile, sagen Kritiker. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Tätowierer Yves Kobes sieht das ähnlich. “Der Leerstand ist auch ein Stück weit der Mieterpolitik zu verdanken.” Wenig investieren und möglichst viel aus den Mietern rausziehen, sei das Motto der Immobiliengesellschaft Terrania, die die Lokale im Brückcenter vermietet.

In Zahlen ausgedrückt: Ein 92 Quadratmeter großes Ladenlokal im Center kostet aktuell 1.090 Euro (plus 440 Euro Nebenkosten). Das leer stehende Ladenlokal in Richtung Bissenkamp mit Fensterfront (94 Quadratmeter) kostet schon 1.800 Euro (plus 440 Euro Nebenkosten). Wer seine Ware im Brückcenter mit Fensterfront zur Brückstraße raus verkaufen möchte, zahlt dann für das 168 Quadratmeter große Lokal 5.500 Euro (plus 760 Euro Nebenkosten) pro Monat.

Zum Vergleich: Im ehemaligen Macao-Modegeschäft an der Brückstraße 11 kostet die Miete aktuell 5.000 Euro (plus 256 Euro Nebenkosten) für 54 Quadratmeter (Quelle: Immobilienscout24). Man sieht also: Auf der Brückstraße selbst scheinen die Mieten deutlich teurer zu sein, als im Brückcenter. Doch selbst das wollen Gewerbetreibende nicht bezahlen für ein Einkaufszentrum, was offenbar wenig Frequenz bringt.

Viele im Brückcenter gescheitert

Rückblick: Versucht haben es im Brückcenter schon viele. Cafés schenkten Getränke aus, “Depot” verkaufte 2008 noch Dekoartikel, zwei vegane Supermärkte scheiterten nacheinander, Modegeschäfte kamen und gingen. Und dann kam auch noch die Thier-Galerie an den Westenhellweg, die dem Brückviertel den letzten Rest gab. “Klar”, sagt Tätowierer Kobes, “dass so ein Einkaufszentrum Frequenz aus den anderen Teilen der Innenstadt absaugt.”

Das Problem mit der Thier-Galerie sieht die Immobilienagentur Terrania ähnlich. Sie vermietet die Ladenlokale im Brückcenter, verantwortlich ist Dennis Riebeling. In der Brückstraße, sagt er, wolle man “junge und bezahlbare Mode” kaufen. Es dominiere “das hippe, preiswerte, vielleicht etwas verrückte Angebot”. Riebeling: “Wenn man dann aber einem Primark die Tür öffnet, bekommen unsere Händler das zu spüren.” Damit schielt Riebeling auf das Modehaus in der Thier-Galerie, das 2011 eröffnete.

Zeit von innerstädtischen Einkaufszentren scheint vorbei

Während die boomende Thier-Galerie also ein Teil des Problems des Brückstraßenviertels ist, glaubt man bei der Terrania aber trotzdem, dass die Zeit von innerstädtischen Passagen und Einkaufscentern vorbei sei. Zumindest für das kleine Brückcenter scheint das offenbar der Fall zu sein.

Und welche Konsequenz zieht man jetzt aus dieser Erkenntnis? Momentan seien verschiedene Möglichkeiten offen, so Riebeling. “Das reicht vom Thema Wohnen bis hin zu einem gänzlich neuen Ladenkonzept auf der Fläche. Auf jeden Fall soll die Mitte von Dortmunds junger Meile neue Strukturen erhalten.”

Bis das neue Konzept für das Brückcenter steht, kann aber noch einiges an Zeit verstreichen. Das hat man auch beim Management des Brückstraßenviertels im Blick. Manager Christian Weyers möchte leer stehende Ladenlokale “eventuell für Pop-Up Konzepte und sonstige Leerstandsbespielungen nutzen”. Denkbar wären als Zwischenlösung Ausstellungen, Gemeinschaftsbüros oder sogenannte Pop-Up-Shops, in denen für befristete Zeiträume Waren im Lagerverkaufsstil an den Kunden gebracht werden.

Was danach kommt, steht bislang in den Sternen. Dass das Brückcenter ein Hort der Subkultur wird, wie er es in den 90er Jahren einmal war, ist allerdings nur schwer vorstellbar.

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