Sonntag, 25. Februar 2018

Wer rechte Gewalt erlebt, ist nicht allein. Das Projekt Back Up verspricht Betroffenen von rechtsextremer und rassistischer Gewalt Hilfe – und das kostenlos und anonym. Die Message von Back Up: Gib rechter Gewalt keine Chance!

Back Up sitzt am Königswall 36, ein Katzensprung vom Dortmunder Hauptbahnhof entfernt, also mitten in der City. So zentral die Hilfsorganisation sitzt, so präsent ist auch rechte Gewalt. Vor allem in Dortmund ist sie ein Thema, weil sich hier bekanntlich Nazis wohlfühlen. Das Team um Geschäftsführerin Katharina Dannert ist für die Betroffenen da.

Was ist Back Up genau und wie sieht die Hilfe aus?

Back Up ist eine Beratungseinrichtung, die vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft, der Stadt Dortmund und vom Bundesprogramm “Demokratie leben” unterstützt wird. Es gibt sie seit November 2011, in erster Linie für den westfälischen Raum. Das fünfköpfige Team besteht aus Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiten sowie einer psychologischen Beraterin.

“Wir begleiten die Betroffenen zum Arzt, falls sie körperliche Gewalt erfahren haben. Und gehen mit den Betroffenen zum Anwalt oder zur Polizei, um gemeinsam Anzeige zu erstatten”, erklärt Katharina Dannert. In einem persönlichen Gespräch können sich die Menschen vertrauensvoll an das Team wenden. Alles bleibt, wenn gewünscht, anonym. Es ist auch keine Voraussetzung, den Täter zu finden. “Manchmal hilft es auch schon, einfach mit jemandem zu sprechen”, weiß die 35-Jährige.

Hauptsächlich informiert Back Up über die Optionen, die die betroffenen Personen haben. Also: Anzeige erstatten, darüber reden, einen Psychologen finden, zum Arzt gehen. “Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe und gehen auch zum Arbeitgeber, wenn jemand wegen eines Angriffs nicht mehr arbeiten kann”, sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Es ist auch möglich, dass Betroffene eine Meldeauskunftssperre bekommen. Die verhindert, dass Rechte den Hauptwohnsitz der betroffenen Person herausfinden können. Dafür muss man glaubhaft belegen, dass man einem Racheakt ausgesetzt sein könnte.

Hilfe kann jeder bekommen. Back Up ist auch mehrsprachig aufgestellt. Englisch, Türkisch, Polnisch und Arabisch sind kein Problem. Für alles andere gibt es Sprachmittler.

Was ist rechte Gewalt eigentlich?

Hier gibt es kein allgemeingültiges Raster, an dem man sich orientieren kann. Wichtig ist, die gesamte Situation zu erfassen. Dannert erklärt das so: “Wir schauen, wenn der Täter bekannt ist, ob er zu dem rechten Flügel gehört. Und wir prüfen, ob es eine gruppenbezogene Rechtsfeindlichkeit war und ob der Betroffene politisch aktiv ist.”

Gruppenbezogene Rechtsfeindlichkeit ist zum Beispiel, wenn eine Person mit dunkler Hautfarbe Gewalt erlebt, eben nur, weil die Person eine dunkle Hautfarbe hat. “Also wenn die Person stellvertretend für die Ideologie angegriffen wird”, sagt Dannert.

Dannert und ihr Team haben oft erlebt, dass manche Vorfälle nicht strafbar sind oder auf der Grenze zur Straftat liegen. Wenn dir Rechte auflauern oder Pizza in deinem Namen zu dir nach Hause liefern lassen. Das ist keine Straftat. Aber ein mulmiges Gefühl begleitet einen doch. Was solche Aktionen bezwecken sollen, ist für Dannert ganz klar: “Das signalisiert einfach ‘Wir wissen, wo du wohnst, wir beobachten dich'”.

Wer erlebt rechte Gewalt?

Auch hier kann man nicht sagen, wer typischerweise betroffen ist. “Im Prinzip kann es jeden treffen”, sagt die Expertin. Auch Menschen, die engagiert sind und als Zeuge einer rechten Straftat aussagen. Das Traurige sei, dass manche Menschen meinen, dass das, was ihnen passiert ist, normal ist. Das liege daran, dass oft Randgruppen Rassismus und rechter Gewalt ausgesetzt sind. “Zum Beispiel Obdachlose oder geflohene Menschen. Und da müssen wir ganz klar sagen, dass das hier in Deutschland nicht normal ist”, sagt Dannert deutlich.

Wie viele Fälle rechter Gewalt gibt es in Dortmund?

Die ihnen gemeldeten Fälle rechter Gewalt im vergangenen Jahr wertet das Back Up-Team gerade aus. Laut der Polizei gehen die rechten Übergriffe aber zurück. Das liegt, laut Dannert, aber daran, dass die Polizei nur die wirklichen Straftaten in diese Statistik aufnehmen kann. Unser Beispiel mit der Pizza-Bestellung zählt nicht dazu. “Und viele Menschen trauen sich nicht, Übergriffe von Rechten zu melden oder wissen nicht, dass das rechte Gewalt ist”, sagt Dannert.

Back up hilft Opfer rechter Gewalt
Bei Back Up kann man rechte Gewalt melden. Foto: Florian Forth/Dortmund24

Die Dunkelziffer sei hoch. Die PMK-Rechtsstatistik für 2017 – also die Statistik politisch motivierter Straftaten des Landeskriminalamts – ist noch nicht veröffentlicht worden. Dannert rechnet damit, dass sie Ende Februar einzusehen ist. “Unser Ziel von Back Up ist es, die Dunkelziffer zu erhellen”, sagt Dannert.

Mit wem kooperiert Back Up?

Back Up hat sich ein breites Netzwerk aufgebaut und arbeitet mit der Polizei, Anwälten, Ärzten und Psychologen zusammen. “Wenn jemand psychologische Hilfe braucht, rufen wir auch bei dem Psychologen an und in der Regel bekommt die Person dann auch schneller einen Termin. Sonst kann es sein, dass man anderthalb Jahre warten muss”, weiß Dannert. Auch in Flüchtlingsunterkünften ist Back Up regelmäßig und klärt insbesondere die minderjährigen Flüchtlinge in Workshops auf, was rechte Gewalt ist. “Da gab es von den Jugendlichen eine gute Resonanz”, sagt Dannert. Soziale Träger kennen Back Up ebenfalls.

Auch Podiumsdiskussionen in Vereinen oder Infostände bei Veranstaltungen gehören zur Arbeit von Back Up dazu. “Wir stellen gern Infomaterial, Beutel und Sticker zur Verfügung und können das auch verschicken”, bietet Dannert an.

Welche Herausforderungen muss Back Up nehmen?

“Wir müssen noch bekannter werden”, sagt die Geschäftsführerin. Das Angebot sei bestimmt noch nicht zu jedem durchgedrungen. Außerdem schlägt sich Back Up mit Jahresverträgen herum. “Es wäre super, wenn es zu einer Institutionalisierung kommt”, findet Dannert. Das hätte zur Folge, dass die Finanzierung auch über ein Jahr hinaus gesichert ist. Was Dannert nicht versteht ist, dass nicht erkannt wird, dass es das Problem rechter Gewalt wahrscheinlich auch noch in den nächsten paar Jahren in Dortmund geben wird. “Uns gibt es seit 2011”, sagt Dannert mit hochgezogenen Brauen. Das zeige doch, dass das Projekt wichtig ist.

 

Kommentar von Frederike Schneider

Warum werden solche Projekte nicht dauerhaft unterstützt? Dortmund wird oft als “Nazi-Hochburg” bezeichnet. Den zuständigen Ministerien liegen doch die Zahlen der politisch motivierten Straftaten der vergangenen Jahre vor. Warum muss man dann jedes Jahr aufs Neue entscheiden, dass Back Up finanziell unterstützt wird? Vor allem, wenn es einen Zusammenhang zwischen dem NSU und Dortmund gibt. Warum nicht wenigstens ein Fünf-Jahresvertrag? Die Mitarbeiter könnten besser planen und auch Menschen, die Ende Dezember Hilfe brauchen, in Aussicht stellen, dass sie im neuen Jahr den Support bekommen, den sie brauchen. Außerdem vergessen wir die Mitarbeiter selbst. Schon mal darüber nachgedacht, dass auch die Motivation sinken könnte, wenn man dauernd in der Schwebe ist und nicht weiß, ob man auch im nächsten Jahr bei Back Up arbeitet? An solchen Projekten dürfen wir nicht sparen!

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