Sonntag, 19. November 2017

Manche werden geschlagen oder leben in einem Haushalt mit drogensüchtigen Eltern, andere überfordern sie schlicht. Es sind die verschiedensten Gründe, warum rund 2200 Kinder in Dortmund nicht bei ihren Eltern wohnen. Etwa die Hälfte davon lebt bei Pflegeeltern. Die Stadt nennt sie “Alltagshelden”, weil sie den oft traumatisierten Kindern eine Zukunft geben. Doch in Dortmund gibt es zu viele Pflegekinder für zu wenige Pflegeeltern. Die Stadt schlägt jetzt Alarm.

Erst zanken sich die Eltern, psychische Probleme kommen dazu, dann der Alkohol. Die Kinder – tja, was passiert mit denen? Sie nerven immer öfter, werden dann geschlagen, die Misere nimmt ihren Lauf. Es sind Szenen wie solche, die am Ende dazu führen, dass rund 2200 Kinder nicht mehr in ihrer Familie leben können. Viele dieser Kinder sind traumatisiert. Jedes Jahr kommen etwa 70 in Dortmund dazu. Doch die Zahl der aktiven Pflegeeltern kann die Zahl der hilfebedürftigen Kinder aktuell nicht mehr decken. Und das, obwohl Dortmund eine der bundesweit höchsten Quoten an Pflegeeltern hat, wie die Stadt sagt.

Die Stadt sucht neue Pflegeeltern und macht dafür ordentlich Werbung. Im Bild (v.l.): Die Pflegeeltern Wolfgang S. und Angelika S.-U. sowie Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger und Jugenamtsleiter Klaus Burkholz. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

“Die Vermittlung vieler Kinder ist manchmal leider nicht so einfach”, erzählt Alexander Ewers, der im Jugendamt Teamleiter der Vollzeit- und Bereitschaftspflege ist. Es gäbe einige schwierige Kinder, was auf die Situation in den ursprünglichen Familien zurückzuführen sei. Komme es aber zu ersten Treffen zwischen potenziellen Pflegeeltern und dem Kind, stimme die Chemie in 99 Prozent der Fälle.

“Es war für uns genau das Richtige”

Das war bei Wolfgang S.* zum Beispiel so. Der Dortmunder hatte schon zwei leibliche Kinder, als er 2003 zusammen mit seiner Frau entschied, ein Pflegekind aufzunehmen. “Eine Freundin meiner Frau hatte ein Pflegekind und wir fanden das auch sehr spannend”, erzählt S. Vier Jahre später kam das zweite Pflegekind hinzu. Heute sind die beiden 16 und 17 Jahre alt. “Die Kinder geben einem viel zurück, es war für uns genau das Richtige.” S. und seine Frau hätten seitdem an keinem Tag gemerkt, dass die beiden nicht ihre eigenen, leiblichen Kinder seien.

Auch Angelika S.-U.* ist Pflegemutter – und zwar gleich dreifach. Dass nicht alles toll und reibungslos läuft, wenn man ein Pflegekind aufnimmt, gibt sie offen zu. “Es kann immer sein, dass die Kinder nicht schlafen wollen, sich mal einnässen – aber man bekommt auch Hilfe”, sagt S.-U.

Mit Plakaten wie diesen will die Stadt Dortmund Pflegeeltern anwerben. Es gibt auch die Möglichkeit, sich als Bereitschaftspflegeeltern zu bewerben. Diese kommen zum Einsatz, wenn es nicht mehr genug Pflegeltern gibt und ein Notfall eintritt. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

Vor allem was psychische Probleme betreffe, gäbe es vonseiten des Jugendamts Beistand, betont Jugenddezernentin Daniela Schneckenburger. “Das ist wichtig, um diesen Kindern wieder die Wärme einer Familie spüren zu lassen.”

Damit von vornherein alles reibungslos abläuft und die Kinder in einer passenden Familie landen, gibt es gründliche Auswahlverfahren. “Wir wollen unbedingt vermeiden, dass ein Kind nach wenigen Wochen schon wieder aus einer Familie rausgeholt wird”, sagt Jugendamtsleiter Klaus Burkholz. Die Stadt setzt von potenziellen Pflegeeltern erstmal nur drei Dinge voraus: Sie sollten ohne Vorstrafe sein, finanziell sicher dastehen und keine ansteckenden Krankheiten haben.

Voraussetzungen für Pflegeeltern

“Wir schließen aber grundsätzlich erstmal keine Bewerber aus”, entgegnet Alexander Ewers auf die Frage, ob man als Pflegeeltern bestimmte Lebenserfahrung oder ein bestimmtes Alter vorweisen müsse. Es komme immer auf den Einzelfall. Kinder, die alkoholbedingte Schädigungen hätten, würden eher an erfahrene Eltern vermittelt. “Aber generell ist es für ein junges Paar kein Hindernis, ein Pflegekind aufzunehmen”, sagt Ewers.

Neben der Hilfe in Krisensituation bekommen Pflegeeltern – zusätzlich zum Kindergeld – ein nach Alter gestaffeltes Pflegegeld. Für Kinder zwischen 0 und 7 Jahren sind das 770 Euro pro Monat, für Kinder zwischen 7 und 14 Jahren gibt es monatlich 844 Euro und für Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren zahlt das Jugendamt 974 Euro pro Monat aus.

Info: Um neue Pflegeeltern bzw. Bereitschaftspflegeeltern anzuwerben, hat die Stadt jetzt die Aktion “Alltagshelden gesucht” gestartet. Mit Plakaten und Broschüren macht sie auf das Thema Pflegeeleternschaft aufmerksam. Wer Pflegemutter- oder Vater werden will, kann sich an folgende Kontakte wenden: Herr Ewers, Tel (0231) 5024509, E-Mail: aewers@stadtdo.de oder Frau Theissen, Tel (0231) 5023712, E-Mail: stheissen@stadtdo.de. Weitere Infos gibt es hier

*Die Namen der Pflegeeltern wurden auf deren Wunsch nur abgekürzt wiedergegeben, um den Status der Anonymität gegenüber den leiblichen Eltern der Kinder zu wahren.

Kommentare

Anzeige