Sonntag, 22. April 2018

„Weniger Arbeitslose in Dortmund!“, „Arbeitsagentur zieht gute Bilanz für 2017“ oder „Weniger Langzeitarbeitslose in Dortmund“ – die Schlagzeilen klingen oft zu schön, um wahr zu sein. Wie steht es um den Arbeitsmarkt in Dortmund wirklich? Die Agentur für Arbeit hat jetzt eine Bilanz für 2017 gezogen und einen Ausblick auf 2018 geworfen. Wir blicken auf die harten Fakten – und was sie für Dortmund bedeuten.

1. Stärkster Beschäftigungsanstieg in NRW – mit Abstrichen

Dortmunds Arbeitsagentur-Chefin schaut mit einem Lächeln auf 2017 zurück. Warum? Dortmund verzeichnet in ganz NRW den stärksten Beschäftigungsanstieg im Vergleich zu 2016. Während in Dortmund in 2017 insgesamt 3,4 Prozent mehr Menschen eine sozialversicherungspflichtige Arbeit hatten als 2016, waren es NRW-weit nur 2,3 Prozent mehr. Die Agentur für Arbeit Essen (+ 0,7 Prozent) und die in Bochum (+1,7 Prozent) verzeichnen für ihre Bezirke ebenfalls geringere Steigerungen. Im Schnitt waren 2017 in Dortmund pro Monat 34.100 Menschen arbeitslos (11,1 Prozent) – was immer noch eine verdammt hohe Zahl ist. In ganz NRW liegt die Quote bei 7,4 Prozent. Das zeigt: Für Dortmund gibt es noch einiges zu tun.


Das Jobcenter und die Agentur für Arbeit an der Steinstraße haben noch eine Menge zu tun in 2018. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

2. Unterbeschäftigung auf hohem Niveau

Wer wirklich wissen will, wie viele Menschen in Dortmund keine Arbeit haben, sollte nicht auf die Arbeitslosenzahlen schauen, sondern auf die Zahl der Unterbeschäftigten. Mit dieser Zahl werden zusätzlich zu den registrierten Arbeitslosen die Menschen erfasst, die Teilnehmer einer Maßnahme der Arbeitsförderung (berufliche Weiterbildung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, etc.) sind. 47.641 Menschen waren im Dezember 2017 in Dortmund unterbeschäftigt. Die Zahl ist im Vergleich zu Dezember 2016 zwar leicht gesunken, aber immer noch sehr hoch. Demnach hätten 14 Prozent der Dortmunder keine Arbeit.

3. Viele Teilzeitjobs bereiten Arbeitsagentur Sorgen

Die Zahl der Arbeitsplätze in Dortmund steigt. Im Bereich der Teilzeitbeschäftigung um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und nur um 2,1 Prozent im Bereich der Vollzeitstellen. „Das ist nicht ganz unproblematisch“, sagt Frank Neukirchen-Füsers, Chef des Dortmunder Jobcenters. Denn gerade die Teilzeit- oder Minijobs seien die Jobs, mit denen die Menschen nicht richtig fürs Alter vorsorgen könnten oder mit denen sie nicht gut für den Lebensunterhalt sorgen könnten. „Aber“, betont Agentur-Chefin Martina Würker, „viele wollen oder können nicht mehr arbeiten als Teilzeit.“ Ziel der Agentur für Arbeit sei es aber, möglichst viele Teilzeit- oder Minijobs (54.000 in Dortmund) in Vollzeitstellen bzw. zumindest in sozialversicherungspflichtige Jobs umzuwandeln. „Wir stehen in diesem Punkt im Kontakt mit vielen Arbeitgebern“, sagt Neukirchen-Füsers.

Martina Würker wird neue Chefin der Agentur für Arbeit Dortmund. Foto: Agentur für Arbeit Dortmund
Martina Würker ist Chefin der Agentur für Arbeit Dortmund. Foto: Agentur für Arbeit Dortmund

4. Arbeitslose können Anforderungen oft nicht erfüllen

„Wir müssen manchem Arbeitgeber klar machen, dass es nicht mehr DEN Super-Auszubildenen gibt“, sagt Arbeitsagentur-Chefin Martina Würker. Denn Fakt ist: Viele Arbeitslose haben keine ausreichende Qualifikation, um die Anforderungen für viele Jobs zu erfüllen. Mehr als 22 Prozent aller Arbeitslosen in Dortmund haben keinen Schulabschluss, 58 Prozent der Arbeitslosen in Dortmund haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Das Problem: Stellen für unausgebildete Helfer sind rar. Nur 25 Prozent aller angebotenen Arbeitsplätze sind dafür geeignet.

5. Ansiedlungen auf Westfalenhütte tun Dortmund gut

Ein Grund, warum die Zahl der Arbeitslosen in Dortmund sinkt, ist auch die Ansiedlung von Betrieben wie Amazon auf der Westfalenhütte. Auch wenn dort vielfach Jobs im Teilzeit- oder Minijobbereich oder Vollzeitstellen für gering- oder nicht qualifizierte Kräfte angeboten würden, würden viele Menschen davon profitieren. Die Anstellung in Betrieben wie Amazon lasse die Menschen zu neuem Selbstbewusstsein kommen, ein erster Schritt in die langfristige Erwerbstätigkeit sei damit getan.

Die Ansiedlung von Amazon auf dem Gelände der ehemaligen Westfalenhütte hat dem Arbeitsmarkt in Dortmund gut getan. Foto: Daniele Giustolisi/Dortmund24

6. Langzeitarbeitslosigkeit bleibt das Sorgenkind

41,7 Prozent aller Arbeitslosen in Dortmund sind sogenannte „Langzeitarbeitslose“. Das sind über 14.000 Menschen. Sie haben ein Jahr und länger keine Arbeit. Agentur für Arbeit und Jobcenter versuchen sie mit verschiedensten Programmen aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Etwa mit öffentlich geförderter Beschäftigung. „Lieber Arbeit als Arbeitslosigkeit finanzieren“, ist das Motto des Jobcenter-Chefs Frank Neukirchen-Füsers. Das Geld zahle der Steuerzahler ja sowieso. Doch gerade für solche Maßnahmen stehen 2018 weniger Gelder vom Bund zur Verfügung. Vier Millionen Euro muss Dortmund daher für Qualifikationsmaßnahmen oder eben die öffentliche Förderung von Beschäftigung einsparen.

7. Jugendarbeitslosigkeit auf erfreulichem Weg – aber noch nicht gut

Erfreuliches gibt es aus dem Bereich der Jugendarbeitslosigkeit. Im Durchschnitt lag die Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen 2017 bei 3050 und damit auf dem niedrigsten Stand seit elf Jahren. Dortmund verzeichnet ein Minus von 7,8 Prozent im Vergleich zu 2016. Im Durchschnitt 9,7 Prozent aller unter 25-Jährigen waren 2017 arbeitslos. Zweifelsohne aber eine immer noch zu hohe Zahl. In der Regel sind das Menschen, die maximal einen Hauptschulabschluss haben und/oder aus sozial schwachen Verhältnissen kommen. „Hier müssen wir von der Arbeitsagentur manchmal Dinge nachholen, die im Bildungssektor schief gegangen sind“, ärgert sich Neukirchen-Füsers.

Ausblick auf 2018: Mehr Arbeitslose erwartet

Die Zahl der Arbeitslosen ist in den vergangenen Monaten zwar kontinuierlich gesunken, doch der Trend wird 2018 wohl nicht so fortgesetzt. Viele Flüchtlinge, die ihre Sprach- und Qualifizierungskurse beenden, werden in diesem Jahr in die Arbeitslosenstatistik aufgenommen, den Effekt „Westfalenhütte“ mit seinen Neuansiedlungen gibt es in 2018 wohl nicht nochmal (Stichwort: Amazon / Decathlon) und auch die fehlenden vier Millionen Euro vom Bund für die Förderung von Arbeitslosen könnte sich auf die Zahl der Arbeitslosen auswirken. Und: In den kommenden Jahren scheiden in Dortmund rund 40.000 Menschen aus dem Erwerbsleben aus, weil sie in Rente gehen. Das sind überwiegend Fachkräfte, die ohnehin schon jetzt händeringend gesucht werden.

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